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Kann denn alles Wellness sein – Schrothkur vs. Schoko-Traum

Wellness ist überall. Im Supermarkt greift man zu Wellness-Socken, Wellness-Tee und für den besten Freund, Wellness-Hundefutter. Es gibt im deutschsprachigen Raum so gut wie kein Hotel mehr, das kein Wellnessangebot hat. Die Spezialisten rüsten ständig auf. Wer hat die größte Wellnesslandschaft und die kreativsten Pakete? Der Fixkostenblock steigt wie auch der Druck, möglichst viele Gäste zur Nutzung dieser Infrastruktur zu bewegen, damit sich die Investition amortisiert und das „Wettrüsten“ weiter gehen kann.

Thalasso in den Bergen – wo liegt der Fehler im rechten Bild?

Thalasso in den Bergen und Schoko-Träume für die Haut versprechen Vitalität und Gesundheit. Der Gast fragt sich nicht, wie die Algen in die Alpen kommen. Deshalb trinkt er auch das teuerste Mineralwasser, das eine ähnlich weite Reise hinter sich hat. Gleichzeitig ist die banale Massage nach wie vor die beliebteste Wellnessanwendung. Verrückte Wellness-Welt!

Mir persönlich reicht auch eine Massage. Dazu zwei Saunagänge und ein gutes Buch. Mehr brauche ich nicht zum Wellness-Glück. Als Kurdirektor brauche ich glückliche Gäste, die sich wirklich besser fühlen, wenn sie nach Hause fahren. Im Idealfall nehmen sie Inspiration mit, um mehr Wohlgefühl in den Alltag zu bringen. Dieses Ziel erreichen wir nicht mit Schoko-Träumen und zweimal Thalasso übers Wochenende.

Wer sich eine oder gar zwei Wochen Zeit nimmt für einen Wellness-Urlaub, versucht selten mit zehn Mal Schoko-Traum die Kombination aus „Wellbeing“ und „Fitness“ zu erreichen. Hier geht es ums Ergebnis, das man nicht durch ein trendiges Wochenende erreicht, sondern mit einem nachhaltigen Konzept, zu dem mehr gehört als auf eine Pritsche liegen und sich bei Vogelgezwischer aus der Dose passiv fit machen zu lassen. Nein, dazu gehört aktives Dazutun, Ernährung und Bewegung – übrigens wunderbar zu kombinieren mit einer Massage, und einem guten Buch.

Die Kur ist tot. Es lebe die Kur!

Ich gönne mir eine Schrothkur – zwei Wochen pro Jahr. „Kur“ ist alt und langweilig. Immer noch hat man dabei alte Menschen im Hinterkopf. Zum großen Teil sind die Kur-Experten selbst schuld, weil sie zu lange von den Krankenkassen Geld bekamen und sich nicht mit Marketing beschäftigen mussten. Schade, wie ich finde. Denn das Wohlgefühl nach einer 14-tägigen Kur (Egal ob Schroth- oder Kneipp- etc.) erreicht man mit zehn Schoko-Traum Wochenenden nicht – die in der Summe übrigens auch ein Vielfaches mehr kosten.

Wellness ist toll und ich möchte niemandem ein entspanntes Wellnesswochenende ausreden. Genauso wie jeder linksdrehende Joghurt-Kulturen essen soll, nachdem er seinen Doppel-Whopper weg geputzt hat. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass ehrliche Produkte mit weniger Versprechungen verkauft werden. Denn so wie Actimel keine gesunde Ernährung ersetzt, hat der Schoko-Traum nichts mit Wellness zu tun. Lasst uns die Dollar-Zeichen zur Prio 2 machen und die Ergebnisqualität gewürzt mit Ehrlichkeit an die erste Stelle setzen. Wenn wir es schaffen, das Ganze noch mit trendigen Bezeichnungen zu verpacken und modern zu kommunizieren, stehen die Chancen gut, dass die Gäste bereichert nach Hause fahren nachdem sie länger als nur ein Wochenende bei uns verweilt haben – und wieder kommen, anstatt das nächste Mal ein anderes Wellnesshotel mit tausenden von Quadratmetern Spa-Bereich auszuprobieren.