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Wellness mit den Augen eines Blinden „sehen“

Wir alle sprechen immer von einem schönen Wellnessbereich, einer liebevollen Dekoration. Der Begriff „Wohlfühlfaktor“ wird gerne und oft verwendet – doch wie sieht Wellness aus, wenn wir nicht sehen können?

Eine gute Frage, nicht wahr? Hand aufs Herz: Wer hat an diese Zielgruppe jemals mit völliger Unbeschwertheit gedacht? – Sicher nicht viele und auch ich habe mich bisher nicht auf solche Überlegungen eingelassen, nicht einlassen müssen. Mein Bericht soll ein Geschenk sein – ein Geschenk, Wellness noch viel tiefsinniger zu sehen und auch manchen „Horizont“ von Anbietern neu zu schulen. Er ist dabei gleichzeitig ein großes Dankeschön an Mandy – eine wundervoll starke Frau, die mit dem Herzen sehen kann und dadurch besonders intensiv fühlt.

Zitat Ernst Ferstl (c) Foto: Stephanie Helmig

Zitat Ernst Ferstl (c) Foto: Stephanie Helmig

Wenn ein „Blindling“ in einen Wellnessbereich geht, spürt er die Fragezeichen in den Gesichtern der Mitarbeiter. Diese wissen oft nicht, ob und was sie anders machen sollen. Sie wissen nicht, was für einen Nichtsehenden wichtig ist, was gesprochen werden soll und auch nicht, um wie viel stärker ein Blinder die anderen Sinne einsetzt.

Die Unwissenheit, die Beklemmnis, die im Raum liegt, ist für beide Seiten nicht einfach – die eine Seite möchte Genuss bereiten, die andere einfach nur genießen, so, wie jeder andere auch. Im Grunde gibt es keinen Unterschied, ob sehend oder nicht sehend: Eine Abhyanga bleibt eine Abhyanga – lediglich die Kommunikation ist etwas anders fokussiert. Was jedoch für viele ein sehr wesentlicher Unterschied ist: Blinde scheinen an dieser Stelle besser kommunizieren zu können – sie stellen offen Fragen und können ihre Bedürfnisse, ihre Ängste konkret äußern.

Wie das richtige Angebot finden

Bevor Blindlinge – wie sie sich selbst gerne liebevoll nennen – richtig aktiv werden, überlegen sie genau, was sie brauchen. Es ist ihnen wichtig, zu vertrauen, einen Ort zu finden, an den sie immer wieder zurückkehren können. Dadurch überlegen sie intensiver, was die entsprechende Behandlung bewirken soll, was sie erwarten und durchforsten dann z. B. das Internet nach Orten in räumlicher Nähe. (Wie Blinde im Internet surfen können? Ganz einfach, mit Teeeeechnik!) Jede Webseite wird ausführlich „gelesen“, Gleichgesinnte gefragt und dann erst entschieden, ob das Angebot und der „Tatort“ passend sind. Sie nehmen Wellness und die bunte Palette an Möglichkeiten von Anfang an anders war.

Sehende Menschen – gerne als Sehlinge oder Guckies bezeichnet – haben viele Fotos zur Verfügung, die sie ahnen lassen, wie das Ambiente wirkt. Da sind sie Blinden zwar einen Schritt voraus, aber genau jenes vermeintliche Defizit machen sie durch ihre Sprache wett. Mandy greift einfach zum Telefon und stellt alle offenen Fragen – ist das nicht irgendwie beneidenswert? Sie lässt sich die Räumlichkeiten beschreiben und achtet dabei ganz genau auf die Art, wie der Mitarbeiter am anderen Ende mit ihr kommuniziert.

Sind Sehende leichter zu beeinflussen? Fühlt ein Sehender Atmosphäre anders als ein Nichtsehender? Es ist für einen Texter unsagbar interessant, wie ein Text, eine Beschreibung wirkt, wenn er ohne Bilder funktionieren muss. Wie sehr beides manchmal „hinkt“; wie sehr Fotos ablenken können, erkennt man oft erst durch die Augen eines Blinden.

Ausschlaggebend für die Vereinbarung eines Termins bleibt die Freundlichkeit der Mitarbeiter und die Tatsache, ob alle Informationen zur Verfügung gestellt werden, die wichtig sind. Zu besagten Informationen gehören Fakten wie:

  • Sind die Wege im Gebäude oder auf dem Gelände allein zu bewältigen?
  • Wird der Nichtsehende begleitet oder muss eine Begleitung mitgebracht werden?
  • Wird das Personal „gewechselt“ oder bleibt es immer beim gleichen Ansprechpartner?
  • Ist die Wellnesseinrichtung gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar?

Um richtig entspannen zu können, bedarf es also einer guten, einer noch besseren Organisation, bei der die Stimme, die Stimmung des Personals unsagbar wichtig ist. In dieser schwingt immer viel mit.

Ich weiß nach kurzem Hinhören, ob ich mir vorstellen kann, mich in die Hände eines Menschen zu begeben.

Mandy

Für mich klingt dieses „Talent“, dieses Vertrauen in sich selbst, stark, beneidenswert, großartig und lernenswürdig.

Entspannen und fallen lassen

Ein Blinder sieht keine warmen Farben an den Wänden – er spürt sie aber in der Luft liegen: durch Stimme, durch Düfte, durch ein aufgeschlossenes Gegenüber.

Ein Blinder sieht nicht, in welchem Moment eine Fangopackung zum Einsatz kommt, aber er vertraut dem Personal. Vertrauen – das ist eine Begrifflichkeit, die im Wellnessgeschäft häufig außer Acht gelassen wird…

Blindes Vertrauen bedarf innerer Sehkraft

Horst A. Bruder

Ich spreche an dieser Stelle für mich: Viel zu lange, viel zu oft habe ich nur auf das „Oberflächliche“, auf das Sichtbare geachtet. Mir war das „Drumherum“ wichtig. Ich habe aber gelernt, dass kein Architekt, kein Designer für Wohlgefühl sorgt, sondern der Mensch als solcher.

Sich sicher zu fühlen, geborgen, entspannt – dass ist keine Frage der Wandfarbe, sondern eine Frage des Herzens!