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„Wellness“ für Eilige – eine Sackgasse?

In einem sehr schönen Text, der mit der Überschrift „Hilfe, die Fluffies kommen“ betitelt ist, wird einiges auf den Punkt gebracht, was man als derzeitiges Problem in Sachen „Wellnesstexte“ beschreiben könnte. Nicht dass es jemanden genommen sein soll, sich nach der Lektüre von Texten wohl zu fühlen, schließlich muss ja nicht jeder eine gepflegten Depression nach der Lektüre von Franz Kafka oder Emil Cioran nachhängen.  Es gibt wunderschöne, fröhliche und schillernde Texte, die zum eigenen Wohlbefinden beitragen und nach denen man die Welt wieder bunter, differenziert und vielleicht ein wenig entspannter sieht.

Weisheiten für „Eilige“…

Es scheint aber so zu sein, dass eigentlich tiefgründige, polyphone und kryptische Texte dazu benutzt werden, um zum Staunen hinzulenken, zu sagen, dass die Welt ja so schön und unverständlich ist, dass wir ohnehin nichts tun können, als alle ein wenig zu entspannen und zwischendurch vielleicht auch einmal häppchenweise Texte zu lesen, nach deren Lektüre wir uns besser fühlen. Man kann sich sicher sein, dass sich Lao-Tse und Konfuzius im Grab umdrehen, wenn man die Aufbereitung der Texte sieht, die man dadurch oftmals auch als „Weisheiten“ für Eilige bezeichnen könnte.

Lao-Tse

Lao-Tse

Munter werden Texte aus dem Zusammenhang gerissen, scheibchenweise in Foren gestellt und als Lebens- oder gar Tagesmotto verwurstet. Wer hat heutzutage noch mehr Zeit, als morgens in den E-Mail-Account zu schauen oder sich bei einem der diversen Facebook-Seiten anzumelden, um seine tägliche „Weisheit“ aufzunehmen und zu rezipieren?  Eigentlich doch legitim, und noch dazu ist es ja nicht verwerflich, wenn der Chef mal ein paar flotte Zitate und „Weisheiten“ in den stressigen Büroalltag einflechten kann und damit vielleicht sogar noch Mitarbeiter motivieren kann und eine Steigerung der Effizienz mit verschuldet.

Suspension des Ziels…

Wo liegt also das Problem, ist ohnehin alles schön und in Ordnung? Das Problem ist einfach: das häppchenweise zitieren und rezipieren von Texten führt zu einer Verflachung der Texte, für die man eigentlich viel mehr Zeit bräuchte. Und damit verbindet sich wohl auch eine verflachte Form von Wellness, die nach Effizienz und Ergebnis strebt. Wer nach ein paar Tagen Wellness nicht entspannt, erholt und wieder besser funktionsfähig im Arbeitsalltag wieder ankommt, hat letztlich vielleicht auch schon versagt. Doch auch die Entspannung, die Erholung, vielleicht auch die Meditation ist komplex, vieldeutig und nicht eindeutig zielgerichtet. Es geht, stark vereinfacht dargestellt, sogar um eine Suspension des Ziels, der Zielgerichtetheit und des Begehrens nach Sinn und Ergebnis. Wer entspannt lässt los, verliert auch das Ziel aus den Augen.

Nur mehr ein Motto?

Dies lässt sich sowohl über die Lektürepraxis von „Wellnesstexten“ sagen, die eigentlich keine Wellnesstexte sind, sondern tiefergehendes Umdenken und Veränderung der Wahrnehmung im Sinn haben, ebenso sagen wie über ein gelungenes „Wellness-Wochenende“, das mehr ist als nur temporäre Kompensation des eigenen, zu hohen Stresslevels. Nach einer „gelungenen“ Lektüre ist man erfrischt, wach, hellhörig. Nach einer schnellen und oberflächlichen Lektüre in Form von mundgerechten Zitaten geht man schnell zum Alltag über und es bleibt nur noch eine Art von Motto übrig, das man vielleicht leicht im Hinterkopf behalten kann, das aber keine „Veränderung“ der Wahrnehmung und der Haltung zum Alltag nach sich zieht, sondern ihn überhaupt erst ermöglicht.

Die These könnte sein: Bessere Texte und eine komplexere Lektürepraxis könnten zur Erkenntnis führen, dass Wohlbefinden so einfach und schnell nicht zu haben ist, sondern „erarbeitet“ werden muss, ebenso wie das tiefere Verständnis eines Textes nicht zwischen Mail und Büroalltag möglich sein wird. Wir werden uns wieder mehr nehmen müssen, um wirkliche „Wellness“ zu finden.