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Wellness und das gute Leben

„Wellness“ ist ein schillernder Begriff, der in vielen verschiedenen Bedeutungen und Kontexten verwendet wird. Doch was bedeutet er „wirklich“? Was ist gewissermaßen seine „Essenz“? Wer sich mit solchen Fragen beschäftigt, muss sich verdeutlichen, dass Begriffe der Alltagssprache sehr häufig mehrdeutig sind. Je nach Kontext und Sprecher/in werden verschiedene Inhalte mit ihnen in Verbindung gebracht und es ist oft müßig, darüber zu diskutieren, was denn nun eigentlich die richtige, die wahre Bedeutung eines Wortes sei. Doch gerade deshalb ist es wichtig, sich selbst darüber im Klaren zu sein, wie man einen Begriff verwenden will und welches Konzept man damit verbindet.

„Wellness“ – tief oder flach?

Wie in einem anderen Blogbeitrag klargestellt wurde und wie sich in der anschließenden Diskussion zeigte, ist auch der Wellnessbegriff mit Mehrdeutigkeiten verbunden. Mittlerweile bezieht man sich – zumindest in der deutschen Alltagssprache – mit „Wellness“ häufig, ja vermutlich sogar in den weitaus überwiegenden Fällen auf konkrete Dienstleistungen (Massagen, Behandlungen etc.). Im Sinne bloßer Konsumgüter dienen sie dazu, ein – vielleicht auch nur sehr kurzfristiges – Gefühl der Entspannung und Ruhe herzustellen, einen tieferen Einfluss auf die eigene Person und das eigene Handeln haben sie nicht. Der Kunde/die Kundin ist dabei meist passiv – er/sie „wird entspannt“ und ist bereit, auch einiges dafür zu bezahlen.

Die ursprüngliche Idee war freilich eine andere, als in den 1950ern in den Vereinigten Staaten  über eine spezielle Art, sein Leben zu führen, nachgedacht wurde, die man „Wellness“ nannte. Es ging nicht um passives Konsumieren, sondern darum, Verantwortung für seine Gesundheit und sein Leben zu übernehmen. Zentral war die Idee, durch eine optimale Realisierung seiner Potentiale in verschiedenen Bereichen zu einer hohen Lebensqualität zu gelangen. Wohlbefinden, so eine Folge dieser Überlegung, stellt sich durch Selbstdisziplin und Arbeit an sich selbst ein und kann nicht einfach so erkauft werden. Wellness in diesem ursprünglichen Sinn ist also eine Haltung, die man einüben muss, und keine Dienstleistung; es handelt sich um einen umfassenden Entwurf, der sich auf alle Lebensaspekte auswirkt.

Das gute Leben und die Herausforderung einer Präzisierung

„Wellness“ ist also nicht gleich „Wellness“, und es ist gut, dass zumindest in manchen Bereichen der Wellnessbranche versucht wird, das ursprüngliche Anliegen des Wellnesskonzeptes nicht aus den Augen zu verlieren. Dennoch sind auch hier ein paar kritische Überlegungen angebracht. Denn wer einem umfassenden und tiefen Begriff von „Wellness“ eine über eine schlagwortartige Charakterisierung hinausgehende Bedeutung geben will, muss sich bewusst sein, dass er/sie damit ein schwieriges – und umstrittenes – Feld betritt. Ein eingehenderes Verständnis von Konzepten wie „Lebensqualität“, „Wohlbefinden“, „optimale Realisierung der Potentiale“, „Glück“, „Freiheit“ oder auch „Verantwortung“ scheint notwendig zu sein, um den Begriff präzisieren zu können.

Dabei stellen sich notgedrungen auch Fragen nach dem guten oder tiefen Leben und den Wegen, wie es zu erreichen ist. Doch wie verhält sich Wellness z. B. zu Religiosität und Spiritualität? Wie steht es um Moralvorstellungen und ethische Lebensstandards, die in der Philosophie traditionellerweise in diesem Zusammenhang diskutiert werden? Der Benutzer/die Benutzerin eines präzisen Wellnessbegriffes wird nicht umhinkommen, Stellung zu diesen Fragen zu beziehen. Oder soll er am Ende doch so vage gehalten werden, dass er in wesentlichen Aspekten beliebig ausgestaltbar und nach den individuellen Wünschen und Bedürfnissen des „Wellness-Kunden“ bzw. der „Wellness-Kundin“ zu füllen ist?