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Exkursion Bad Wörishofen – auf den Spuren von Sebastian Kneipp

Bad Wörishofen – hier hat Pfarrer Sebastian Kneipp seine weltbekannte Hydrotherapie entwickelt. Im Rahmen der heurigen Campus M21-Exkursion machten wir uns daran, das Erbe des „Wasser-Doktors“ genau unter die Lupe zu nehmen und neue Ideen aufzuspüren.

Spricht Kneipp auch junge Menschen an?

Im Rathaus Bad Wörishofen (c) Foto: Wolfgang Falkner

Im Rathaus Bad Wörishofen (c) Foto: Wolfgang Falkner

Die Kneipp-Therapie hat, wie die meisten Kuren, den Ruf, nur Menschen im reiferen Alter anzusprechen. Inwieweit der 1897 verstorbene Pfarrer aber auch junge Menschen begeistern kann, darüber wollten sich 12 Studenten ihr eigenes Bild machen. Vier namhafte Experten aus bekannten Bad Wörishofener Institutionen nahmen sich viel Zeit, um die vielfältigen Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beantworten.

Ein vielfältiges Erbe – (viel) mehr als kalte Güsse

Kneippen um 1900

Kneippen um 1900

Wer an Kneipp denkt, dem kommt unausweichlich kaltes Wasser in den Sinn. Das passt doch nicht zum auf Entspannung und Wohlbefinden abzielenden Wellness-Gedanken – oder? Wenn man Wellness aber ganzheitlich betrachtet, durchaus! Kneipp ist nämlich viel mehr. Fünf Säulen machen die originale Kneipp-Kur aus:

  • Bewegung
  • Hydrotherapie
  • Phytotherapie
  • Ernährung
  • Ordnungstherapie

Die Lehre muss sich also nicht hinter den Asiatischen Naturheilverfahren, wie Ayurveda oder Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) verstecken. Viele sind der Ansicht, dass Kneipp der Begründer der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) ist. Ein Erbe, auf das man nicht nur als Bad Wörishofener, sondern auch als Europäer sehr stolz sein kann.

Dass Kneippen aber auch ganz einfach in den Alltag integriert werden kann, erfahren wir durch viele praktische Tipps. So empfiehlt uns Herr Holzbock, dass ein kalter Wasserstrahl von den Knien abwärts zu den Füßen beruhigt und uns gut schlafen lässt.

Gesundheitsreform – Fluch und Segen für Sebastian Kneipp?

Seit sich aufgrund der Gesundheitsreformen die Deutschland die Krankenkassen vermehrt zurückziehen und dadurch lange Kuraufenthalte immer seltener bezahlt werden, stehen viele Betriebe vor dem Problem, ihre Häuser nicht mehr entsprechend auslasten zu können. Zumindest jene, die sich darauf verlassen haben, dass die Gäste auch ohne Marketing und Werbung kommen. Jene, die sich rechtzeitig neue Standbeine gesucht haben und auch den Selbstzahler ansprechen, haben die schwierigsten Jahre hinter sich gelassen und sind auf einem guten Weg, der altehrwürdigen Kurstadt zu neuem Glanz zu verhelfen.

Kneipp- & Gesundheitsresort Sebastianeum (c) Foto: Wolfgang Falkner

Kneipp- & Gesundheitsresort Sebastianeum (c) Foto: Wolfgang Falkner

Von dieser Seite betrachtet, ist aus der Gesundheitsreform auch eine echte Chance entstanden, Kneipp weg von der reinen Kur, die sich in erster Linie mit Rehabilitation, also mit Krankheit beschäftigt, zur ganzheitlich, präventiven und auch populären Gesundheitslehre zu entwickeln.

Auf die Frage, welche Chancen auf angehende Gesundheitsmanager in Bad Wörishofen warten, antwortete Klaus Holetschek damit, dass er sich gut vorstellen kann, dass diese als kompetente Gesundheitskoordinatoren dienen könnten. Und so Ansprechpartner für die Gäste sind, wie sie langfristig ein Leben im Gleichgewicht führen oder ihre Work-Life-Balance verbessern können. Aber auch, dass junge Ideen gefragt sind, wie Kneipp neu inszeniert, aber dennoch seinen Werten treu bleiben kann.

Berührung mit dem Gast zu sehen

Ehemaliger Arbeitsplatz von Sebastian Kneipp (c) Foto: Wolfgang Falkner

Ehemaliger Arbeitsplatz von Sebastian Kneipp (c) Foto: Wolfgang Falkner

Wer mit Kneipp berühren möchte, muss eine langfristige, auf Vertrauen gründende Beziehung aufbauen. Sowohl Herr Holzbock als auch Frau Rapp betonten den Wert der Stammkunden und der persönlichen Empfehlung durch Freunde und Bekannte. Nicht der Preis darf das ausschlagende Kriterium sein, sondern der Wert der Behandlung. Gute Mitarbeiter sind dafür entscheidend. Man muss also langfristig denken!

Erst als ich an die Seele des Menschen gekommen bin, konnte ich ihn heilen.

Sebastian Kneipp

Leider ist es so, dass erst wenn es weh tut, die meisten Menschen nach Heilung suchen. Im Sebastianeum sind das zumeist Rückenschmerzen (51%). Dabei sollte man bei der Angebotsbeschreibung das Wörtchen „Schmerzen“ unbedingt vermeiden, betont Frau Rapp. Doch wie gewinnt man Gäste dafür, präventiv etwas für die eigene Gesundheit zu tun? Hier ist es gut, als Einstieg etwas angenehmes, wie eine Aroma-Massage zu wählen. Die ist zwar von der Wirkung her noch eher unter mentalem Wohlfühlen anzusiedeln, aber danach ist man eher bereit für die weniger angenehme, dafür aber umso wirkungsvollere Kneipp-Therapie.

Kneipp und Medical-Wellness

Während sich das Sebastianeum von der Klinik hin zu präventiven Gesundheitsmaßnahmen öffnet, kommt so manches Wellness-Hotel von der anderen Seite und versucht mit Medical-Wellness neue Kundensegmente zu erschließen. So hat auch das 2011 mit der Wellness Aphrodite im Bereich Medical Wellness ausgezeichnete, 5 Sterne Spa-Hotel Sonnenhof eine kleine, aber sehr feine Kneipp-Anlage integriert.

Hier gibt es auch „kürzere“ Angebote, wie beispielsweise eine 7 Tage Schnupperwoche, die gerne um eine weitere Woche verlängert werden kann – inkl. fachärztlicher Eingangsuntersuchung, Erstellung eines individuellen Kurplans und Abschlussgespräch. Ganz allein auf Kneipp vertraut aber Spa-Managerin Angelika Mussack nicht und hat deshalb auch Angebote, wie Ayurveda, Thalasso oder Vinotherapie im Programm. Kneipp ist eine schöne, authentische Ergänzung, weil sie regional passt, aber die Gäste erwarten auch Exotisches aus fernen Ländern.

Viel Potential für die Zukunft

Noch gibt es viel zu tun. Wie viele andere traditionelle Kurorte wird wohl auch Bad Wörishofen noch etwas brauchen, um aus dem Dornröschenschlaf, verursacht durch die Gesundheitsreform, zu erwachen. Ein guter erster Schritt ist sicher die neue Therme Bad Wörishofen, die viele junge Menschen anspricht. Doch das Erbe von Sebastian Kneipp hat viel mehr zu bieten. Die Vision sollte es sein, Pilger aus der ganzen Welt anzuziehen – von jung bis alt.

Weiter Infos zu Kneipp:

http://www.bad-woerishofen.de/gesundheit_kneipp/kneipp-kur/

http://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Kneip