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Work is not a Job! Catharina Bruns ist Keynote beim SpaCamp 2014. Das Interview.

Ich freue mich sehr, heute unsere Keynote-Speakerin für das SpaCamp 2014 vorstellen zu dürfen. Die Wahl-Berlinerin Catharina Bruns hat 2010 einen gutbezahlten Job in einem internationalen Konzern in Dublin hingeschmissen, ein Manifest verfasst, das in Amerika großen Anklang gefunden hat, daraus ein Buch veröffentlicht und ganz nebenbei ein paar Unternehmen gegründet.

Unser diesjähriges Motto lautet „Auf Werte besinnen und Weitblick gewinnen“. Laut dem aktuellen Werte-Index 2014 des Trendbüros ist Freiheit gleich nach nach Gesundheit der zweitwichtigste Wert. Freiheit darf nicht mit Freizeit verwechselt werden. Wir haben heute – glücklicherweise – die Freiheit, unsere Freizeit so zu gestalten, wie wir das möchten.

Catharina Bruns © Sophie Pester

Catharina Bruns © Sophie Pester

Aber warum nehmen wir uns großteils nicht die Freiheit, auch einem Beruf nachzugehen, den wir frei wählen? Warum geben wir uns mit einer „Work-Life Balance“ zufrieden, nach dem Prinzip: „In der Arbeit macht man das, was man tun muss, damit man Geld hat, um sich in der Freizeit auszuleben.“?

Catharina Bruns ist dieser Frage selbst vor einigen Jahren nachgegangen. Sie hat sich bewusst gegen eine Anstellung entschieden und ein Manifest verfasst, mit dem Ziel, ARBEIT eine neue Bedeutung zu geben. Dieses kam so gut an, dass ein Verlag an sie herangetreten ist, doch ein Buch zu schreiben. Heute lebt sie nach diesen Prinzipien und hat einige große und kleine Ideen als leidenschaftliche Unternehmerin zum Leben erweckt.

1. Beruf kommt ja bekanntlich von Berufung. Warum tun sich viele heute so schwer ihrer Berufung zu folgen?

Weil viele Menschen gar nicht wissen, was das für sie überhaupt sein soll. Der Begriff der Berufung ist sicherlich auch etwas angestaubt – leider! Heute verfolgen wir nicht unsere Berufung, sondern irgendeine „Karriere“, die im Zweifel mit unseren Talenten, Wünschen und dem, was wir eigentlich den ganzen Tag gerne machen, überhaupt nichts zu tun hat.

Dass so Wenige ihre Berufung spüren und ihr nachgehen liegt sicherlich auch daran, dass sofern der Impuls nicht sehr stark von alleine da ist, er durch gesellschaftliche Prägung und all das, was angeblich Erfolg und „das schöne Leben“ sichtbar machen, erstickt wird, bzw. viel zu wenig inspiriert wird. Alles soll sich rechnen, alles muss gleich wirtschaftlich sein.

Dabei entstehen fabelhafte Geschäftsmodelle und die beste Arbeit im Prinzip aus Überzeugungen und persönlicher Bedeutsamkeit – auch wenn im ersten Schritt vielleicht kein Geld damit verdient wird. Die Berufung ist nichts, was einem plötzlich einfällt, schon gar nicht wenn man sich ständig Existenzsorgen macht. Man entwickelt sich häufig in sie hinein – aber erst wenn man begonnen hat an Dingen zu arbeiten, die einem etwas bedeuten. Übrigens sind Menschen, die ihre Berufung leben auch nicht frei von Ängsten. Sie lassen sich nur nicht aufhalten. Und das ist auch gut so.

2. Müssen jetzt alle selbständig werden und Unternehmen gründen? Oder kann man auch als Angestellter Glück im Job finden?

Ein leidenschaftliches Plädoyer für einen Mentalitätswandel und eine neue Haltung zur Arbeit © Foto: campus verlag

Ein leidenschaftliches Plädoyer für einen Mentalitätswandel und eine neue Haltung zur Arbeit © Foto: campus verlag

Sicherlich möchte das nicht jeder – obwohl ich es auch befremdlich finde, dass ausgerechnet die abhängige Beschäftigung als das „normale Arbeitsmodell“ und immer noch als das Karriereziel Nr. 1. ausgemacht wird. Ich bin nicht gegen die abhängige Beschäftigung, aber ich bin FÜR die Selbstständigkeit.

Eine selbstständige Arbeitsweise und ein positives unternehmerisches Denken schaden auch dem treuesten Angestellten nicht. Sein Glück, auch im Beruf, muss man selber machen – egal ob angestellt oder selbstständig, arbeitssuchend oder als Aussteiger. Es ist an der Zeit, Arbeit neu zu denken und sich selbst zuständig zu fühlen, dass sich bessere Arbeitsmodelle etablieren. Dazu müssen wir uns fragen: Wie möchte ich leben? Und was möchte ich gestalten? Ich unterscheide nicht in Selbstständige und Angestellte, es sollte nicht um die Form gehen, sondern um eine neue Qualität und Haltung zur Arbeit.

3. Welche Tipps kannst du Menschen geben, denen das Loslassen schwer fällt und Angst vor der Ungewissheit haben?

Zuerst muss man sich ja fragen, was halte ich da eigentlich fest? Ich bin nicht missionarisch unterwegs – wenn es keinen Leidensdruck gibt, besteht auch kein Handlungsbedarf. Die Menschen müssen selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Aber sobald man spürt, dass man seine Zeit und sein Können lieber anders einsetzen würde, kann man etwas „unternehmen“. Was für eine tolle Bezeichnung!

Loslassen kann sehr, sehr befreiend sein und ein ganz neues Leben anstoßen. Es empfiehlt sich nicht alles aus Angst zu entscheiden (denn Angst verhindert eher als dass sie etwas ermöglicht), sondern aus Überzeugung, meinetwegen auch aus Liebe. Was liebe ich so sehr, dass ich mich zuständig fühle, dass es existiert? Und was die Ungewissheit angeht: Das Leben lässt sich nicht 100%ig versichern – der Glaube daran macht das Leben nicht sicherer, sondern im Gegenteil – ängstlicher.

Es hilft sich zu vergegenwärtigen, dass sofern die Dinge nicht so laufen, wie man es sich vorgestellt hat, eigentlich erstmal gar nichts passiert. Niemanden interessiert es – man kann jederzeit zurück zu seinen alten Problemen oder sich etwas anderes, besseres ausdenken. Sich ausprobieren und die Herausforderung suchen – das nenne ich Leben!

4. Was ist für Dich Wellness?

Für mich bedeutet es, im Einklang zu sein und tun zu können, was mich bewegt. Das spüre ich beim Laufsport genauso wie bei meiner Arbeit in meinen Unternehmen. Ich trenne Arbeit nicht vom „Restleben“ – Familie, Freunde, Unternehmertum, Sport – das alles ist meine Arbeit – für mich bedeutet Wellness eine gestaltende Lebensweise und ist eher an Aktivität geknüpft, als an Urlaub.

5. In Deutschland wird ganz aktuell von der SPD eine Gesetzesregelung gegen zu viel Stress durch den Job gefordert – die sogenannte Anti-Stress-Verordnung. Was hältst du davon?

Leben bedeutet sich ausprobieren und die Herausforderung zu suchen © Foto: Sean and Yvette Photography

Leben bedeutet sich ausprobieren und die Herausforderung zu suchen © Foto: Sean and Yvette Photography

Für mich ist das Bevormundung, aber es passt zu den Strukturen, die in Konzernen als völlig normal empfunden werden. Ich bin überzeugt, dass nicht verordnete Schonung uns glücklicher macht, sondern wenn wir uns auf die richtige Art fordern. Ich würde mich als Arbeitnehmer angegriffen fühlen, wenn mir als erwachsener Mensch nicht mal zugetraut wird, dass ich selbst entscheiden kann, wann und ob ich meine E-Mails lese oder mich auch am heiligen Wochenende mit beruflichen Dingen beschäftigen möchte. Sind wirklich alle so unselbstständig? Ich glaube nicht.

Es ist eine Frage der Emanzipation von alten Macht- und Denkstrukturen. Man muss sich frei machen von diesem unsinnigen Druck. Dazu gehört es, sich mündig zu verhalten und selbst zuständig zu machen. Selbstständigkeit im wahrsten Sinne des Wortes.

6. Du bist Unternehmerin aus Leidenschaft. Gemeinsam mit Sophie Pester hast du Supercraft ins Leben gerufen und veranstaltest den hello handmade Markt in Hamburg. Ist Selbermachen nur eine Modeerscheinung oder langfristiger Trend?

Das Selbermachen und Handarbeiten ist die ursprünglichste Art überhaupt tätig zu werden. Klar ist es heute größtenteils ein Hobby oder eine Leidenschaft, aber ich bin überzeugt, dass es dem Menschen immer gut tun wird, mit eigenen Händen zu gestalten. Und wer mehr selbst kann, ist auch unabhängiger von anderen. Das lässt sich wunderbar auch auf die Arbeitswelt übertragen.

7. Auf was dürfen sich die SpaCamp-TeilnehmerInnen freuen?

Auf inspirierende Denkanstöße und den Austausch darüber, warum Arbeit besser zu Wellness passt, als Freizeit.

Wir bedanken uns ganz herzlich für deine, mit großer Bedacht gwählten, aber auch sehr anstoßenden Antworten. Die Spannung und Vorfreude auf das SpaCamp 2014 steigt!

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