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Übung macht den Meister, aber ebenso die Meisterin! Sprachliche Gleichbehandlung – Teil 2

Die Maskulinisierung unserer Sprache hat viel mehr Auswirkungen als wir uns vorstellen können. Im zweiten Teil der Artikelserie wird aufgezeigt, wie durch kreative Kombinationen sprachliche Gleichbehandlung erlangt werden kann.

Ergänzend zu den einführenden Worten aus Teil 1 möchte ich hervorheben, dass es mir nicht darum geht, der im Rahmen eines oft propagierten „Genderwahns“ radikalen Abschaffung der Identifikation als Mann oder Frau nachzugehen.

Ganz im Gegenteil: Basis für das Gefühl ein Mann oder eine Frau zu sein, ist die sprachliche Befreiung von Vorurteilen und die Auflösung von Stereotypen. Schuld an der Vereinheitlichung, Entindividualisierung, Entwurzelung und Verwirrung ist eine fehlende Aufklärung und ein geeignetes Schul- und Bildungssystem, das Emotionen respektiert, Abhängigkeiten bewusst macht und Individuen fördert.

Sprachliche Gleichbehandlung – vier Möglichkeiten der Formulierung

Mir geht es darum, problematische Formulierungen bewusst zu machen und nicht einer populistischen „Schein-Revolution“ nachzueifern. Nehmen wir also das Thema „sprachliche Gleichbehandlung“ oder „gendergerechtes Formulieren“ nicht auf die leichte Schulter, aber versuchen wir auch nicht in jeder Formulierung eine versteckte stereotypisierende Aussage zu suchen:

Stanglwirt ist kein hamburger Slang für Table-Dance.

Sie erreichen sprachliche Gleichbehandlung durch:

  1. geschlechtsspezifische Einzelformen
  2. Paarformen
  3. geschlechtsneutrale Ausdrücke und Pluralwörter
  4. Geschlechtsabstraktionen

Diese vier Möglichkeiten können Sie kreativ miteinander verbinden.

1. Geschlechtsspezifische Einzelformen

Wenn Sie eine Person konkret ansprechen, ist eine geschlechtsspezifische Formulierung erforderlich.

Anstelle: Sehr geehrte Frau Müller, Sie sind uns als Kunde wichtig, …

Besser so: Sehr geehrte Frau Müller, Sie sind uns als Kundin wichtig, …

Beziehen sich Personenbezeichnungen ausschließlich auf ein Geschlecht, so ist diese Geschlechtsform zu verwenden.

Anstelle: Während einer Schwangerschaft ist der Kunde …

Besser so: Während einer Schwangerschaft ist die Kundin …

Wenn Sie sich in Ihrem Schreiben ausschließlich oder nahezu ausschließlich auf juristische Personen oder ihre Organe beziehen, sollten Sie sich nach dem grammatischen Geschlecht des Bezugswortes richten.

Anstelle: Die Gemeinde als Antragsteller …

Besser so: Die Gemeinde als Antragstellerin …

2. Paarformen

Ich empfehle die Verwendung von Paarformen insbesondere in Merkblättern, Broschüren und sonstigen Informationsschriften, die sich direkt an Frauen und Männer richten.

  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • die Spamanagerin oder der Spamanager
  • die Masseurin oder der Masseur
  • Studentinnen und Studenten

Anstelle: Im Daily SPA treffen Sie auf erfahrene Therapeuten für Ihre individuellen gesundheitlichen Problemstellungen.

Besser so: In unserem „Daily SPA“ beraten und behandeln Sie ausschließlich erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten, die individuell auf Ihre gesundheitlichen Problemstellungen eingehen.

Von einer schematischen Verwendung der Paarformen rate ich ab. Ein traditionell formulierter Text wird, wenn Sie alle Personenbezeichnungen durch Paarformen ersetzen, im schlimmsten Fall unlesbar. Sie sollten deshalb die Lesbarkeit des Textes im Auge behalten. Dies macht es manchmal erforderlich, neue Sätze zu bilden.

Seien Sie mutig und probieren Sie neue Möglichkeiten der Satzgestaltung frei nach dem Motto:

Übung macht den Meister, aber ebenso die Meisterin!

Ich empfehle, Paarformen in Kombination mit geschlechtsneutralen Formulierungen (vgl. 3.) zu verwenden. Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen können dabei im Text immer wieder in Paarformen aufgelöst werden.

Anstelle: Die Spamanagerin oder der Spamanager und ihre Stellvertreterin beziehungsweise ihr Stellvertreter oder seine Stellvertreterin beziehungsweise sein Stellvertreter sind in vollem Umfang weisungsbefugt.

Besser so: Die Spamanagerin oder der Spamanager sind in vollem Umfang weisungsbefugt. Das Gleiche gilt für deren Stellvertretung.

Paarformen und „männliche“ Substantive im Plural sollten nicht nebeneinander in einem Schriftstück verwendet werden. Gebrauchen Sie entweder einheitlich Paarformen oder Paarformen gemischt mit geschlechtsneutralen Formulierungen.

Anstelle: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen die Termine gemeinsam mit den Teilnehmern fest.

Besser so: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen die Termine gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern [alternativ: Teilnehmenden] fest.

Verwenden Sie bei Berufsbezeichnungen, Amts- und Funktionsbezeichnungen, Graden, Diplomen und sonstigen Abschlüssen als personenbezogene Bezeichnungen stets Paarformen, soweit Sie die Bezeichnung generell-abstrakt gebrauchen.

Anstelle: Nach bestandener Prüfung erteilt die Schule die Berechtigung zum Führen der Berufsbezeichnung „staatlich geprüfter Masseur“.

Besser so: Nach bestandener Prüfung erteilt die Schule die Berechtigung zum Führen der Berufsbezeichnung  „staatlich geprüfte Masseurin“ bzw. „staatlich geprüfter Masseur“.

Wenn Sie aber eine bestimmte Person ansprechen, benutzen Sie die entsprechende geschlechtsspezifische Form.

Um die Doppelung der rückbezüglichen Fürwörter (Reflexivpronomen) zu vermeiden, eignen sich Personenbezeichnungen im Plural.

Anstelle: Für die Kundin oder den Kunden, der oder dem die Dauer der Behandlung…

Besser so: Für die Kundinnen oder Kunden, denen die Dauer der Behandlung…

3. Neutral- und Pluralwörter

Bei allgemeinen Personenbezeichnungen verwenden Sie möglichst geschlechtsneutrale Formulierungen (Neutralwörter), die (unabhängig von ihrem grammatischen Geschlecht) Personen geschlechtsneutral bezeichnen und zwar gleichermaßen in der Einzahl (Singular) wie in der Mehrzahl (Plural):

  • Elternteil -> Eltern
  •  Mitglied -> Mitglieder
  • Person -> Personen
  • Lehrkraft -> Lehrkräfte

Neutralwörter eignen sich besonders für allgemein gehaltene Fachtexte, Kommentare und Aufsätze. Wenn Sie allerdings in Texten ausschließlich geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen verwenden, besteht die Gefahr, dass diese zu nüchtern und bürokratisch wirken.

Mit einer ausgewogenen Mischung aus Einzel-, Paarformen und geschlechtsneutralen Formulierungen erreichen Sie das beste Ergebnis.

Verwenden Sie Pluralwörter, sofern sie geschlechtsneutral sind und die Genauigkeit nicht darunter leidet. Viele Pluralformen (z. B. die Angestellten, die Angehörigen) haben den Vorteil, dass Sie Männer und Frauen gleichermaßen bezeichnen. In der Einzahl verlangen diese Formen aber parallel gesetzte Artikel. Im Singular sind sie deshalb eher umständlich, insbesondere bei längeren Sätzen.

Anstelle: der oder die Angestellte; der oder die Beschäftigte; der oder die Vorgesetzte; der oder die Auszubildende

Besser so: die Angestellten; die Beschäftigten; die Vorgesetzten; die Auszubildenden

Und in Zukunft vielleicht auch:

Anstelle: Unsere Mitarbeiter beraten Sie gerne.

Besser so: Unsere Mitarbeitenden beraten sie gerne.

4. Geschlechtsabstraktionen

Oft wird das generische Maskulinum als eine Art Geschlechtsabstraktion verstanden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das generische Maskulinum setzt die Fähigkeit der Geschlechtsabstraktion bei der lesenden oder zuhörenden Person voraus.

Es wird erwartet, dass das Gegenüber versteht, dass nicht nur der Feuerwehrmann keine Angst vor dem Feuer hat, sondern jede Person die der Personengruppe Feuerwehrleute zuzuordnen ist. Fakt ist, dass bei Menschen im Deutschen das generische Maskulinum häufiger als das generische Femininum und das generische Neutrum benutzt wird.

Kinder lernen im Zuge des Spracherwerbs erst relativ spät, ein generisches Maskulinum als geschlechtsneutral zu verstehen. Das generische Maskulinum erfordert eine „Geschlechtsabstraktion“ in dem Sinne, dass die lesende oder zuhörende Person vom natürlichen Geschlecht einer konkreten Person absehen muss.

Tatsächliche Geschlechtsabstraktionen hingegen sind eindeutig:

  • Lehrkräfte
  • das Gericht
  • die Lehrerschaft
  • das Lehrerkollegium
  • das Team

Und so werden stark grenzwertige Texte in Spa Menüs auch ganz schnell entzerrt, wenn man zusätzlich mit entsprechendem Feingefühl den Text inhaltlich anpasst:

Anstelle: Der Masseur arbeitet dabei mit seinem ganzen Körper. [..] Die eigene Passivität führt zu einer völligen Hingabe an die Bewegungen des Masseurs.

Besser so: Bei dieser Massage arbeiten speziell geschulte Mitarbeitende unseres Teams mit ihrem ganzen Körper. Die intensive Übertragung von Bewegungsmustern löst Verspannungen und führt so schnell zu einer tiefen Entspannung.

Neue Formulierungen und Kombinationen

Nutzen Sie die verschiedenen Möglichkeiten, geschlechtsspezifische Personen- und Funktionsbezeichnungen zu umschreiben. Wählen Sie die direkte Anrede.

Anstelle: Unser Spa- und Wellnessbereich steht den Benutzern [..] zur Verfügung.

Besser so: Unser Spa- und Wellnessbereich steht Ihnen [..] zur Verfügung.

Sie können Begriffe wie „Person” oder „Mitglied” verwenden:

Anstelle: der Betroffene; der Erziehungsberechtigte

Besser so: die betroffene Person; die erziehungsberechtigte Person

Sie können Substantive mit folgenden Endungen wählen:

  • -kraft,
  • -hilfe,
  • -person,
  • -berechtigte und
  • -ung

Anstelle: der Fachmann; die Putzfrau; der Vertrauensmann; die Wähler; die Stellvertreter

Besser so: die Fachkraft; die Reinigungshilfe; die Vertrauensperson; die Wahlberechtigten; die Stellvertretung

Sie können Eigenschaftswörter verwenden.

Anstelle: Rat des Arztes

Besser so: ärztlicher Rat

Weitere Möglichkeiten, wie Sie versachlichen können – vorausgesetzt die Genauigkeit leidet nicht darunter:

  • ein Professor: eine Professur
  • die Richter: das Gericht
  • die Studenten: die Studierenden
  • die Zuhörer: das Publikum

Bilden Sie neue Sätze. Die Anbindung mit „wer“ ist geschlechtsneutral. Die Bezugnahme im Folgetext mit Maskulinformen „der“, „er“, „ihm“, „seine“ ist richtig:

Anstelle: Der Masseur muss seine Qualifikationen nachweisen.

Besser so: Personen, die Massagen anbieten, müssen ihre Qualifikationen nachweisen.

und in Zukunft vielleicht: Massierende Personen müssen ihre Qualifikationen nachweisen.

Die Frau denkt, Göttin lenkt

Ich hoffe, dass insbesondere Sie als spamanagende Person in Zukunft zu behandelnde Personen, aber auch Ihren Mitarbeitenden mit einem neuen Vokabular selbstbewusst und zukunftsweisend gegenübertreten.

Sollte Ihnen diese Formulierung nun ein wenig vertrauter sein, dann hat der Artikel seine Wirkung bereits gezeigt. Die Maskulinisierung unserer Sprache hat viel mehr Auswirkungen als wir uns vorstellen können. Alleine im Bereich der Architektur ließen sich spannende neue Denkansätze verfolgen, wenn wir auch unserem Sprachgebrauch wieder mehr geschlechtsspezifische Freiheit einräumten.

Und wer immer noch daran festhält, dass der Kunde König ist, der bestätigt bestimmt auch, dass Frau Müller aus unserem ersten Beispiel ein wichtiger Kunde ist.

Sprachliche Gleichbehandlung diskriminiert weder Frauen noch Männer, noch grenzt sie Frauen oder Männer aus.

Und vergessen Sie nicht: Manchmal kann eine radikale Feminisierung auch auf Klischees aufmerksam machen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Die Frau denkt, Göttin lenkt.

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