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Gemeinwohl-Ökonomie: Chancen durch ein neues Wirtschaftsmodell? Christian Felber im Interview

Wir freuen uns sehr, dass Christian Felber, österreichischer Aktivist, internationaler Referent und Autor, beim 2. NaturkosmetikCamp die Keynote zum Thema „Gemeinwohl-Ökonomie: Wirtschaftsmodell mit Zukunft“ halten wird. Dieses Modell baut auf Kooperation, statt Konkurrenz und löst damit den Werte-Widerspruch zwischen Markt und Gesellschaft.

Was ist und wofür steht die Gemeinwohl-Ökonomie und was sind die essentiellen Unterschiede zur „normalen“ Ökonomie?

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine vollständige Alternative zur derzeitigen Wirtschaftsordnung. Sie bringt die Marktwirtschaft in Übereinstimmung mit den Werten und Zielen der Verfassungen demokratischer Staaten. Das Leben der Werte Menschenwürde, Solidarität, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Mitbestimmung wird belohnt. Ethische Unternehmen werden besser behandelt als unethische und setzen sich durch – zum Wohl aller.

Christian Felber, Aktivist, Autor und Begründer der "Gemeinwohl-Ökonomie" beim NaturkosmetikCamp 2015 © José Luis Roca

Christian Felber, Aktivist, Autor und Begründer der „Gemeinwohl-Ökonomie“ beim NaturkosmetikCamp 2015 © José Luis Roca

Dasselbe passiert mit ethischen Investitionen, dank einer Gemeinwohl-Prüfung für Kredite und einer Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen. So wird der Wille des Grundgesetzes, dass Eigentum, also Unternehmen, „zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll“, umgesetzt. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine vollethische Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist sie eine wirklich liberale Marktwirtschaft, weil sie exzessive Ungleichheit begrenzt und dadurch erst allen Menschen die gleichen Rechte, Freiheiten und Chancen bietet.

Dotcom-Krise, Finanzkrise, jetzt Euro-Krise mit Griechenland, wohin geht die Reise? Wäre die Gemeinwohl-Ökonomie eine gute Lösung für Europa?

Sie ist eine konkrete Chance für Europa, weil erstens das gegenwärtige Wirtschaftsmodell klar versagt hat – es schafft inzwischen mehr Probleme, als es löst: von Arbeitslosigkeit bis Sinnverlust, von der Zunahme von Angst bis zum Abbau von Demokratie, von der Umweltzerstörung bis zur Zwangsmigration.

Zweitens entspricht die Gemeinwohl-Ökonomie viel eher den oft bemühten „Europäischen Werten“ als die kapitalistische Machtwirtschaft, die eine konträre Ethik weltweit durchsetzt: Gier, Geiz, Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit. Die Gemeinwohl-Ökonomie fördert dagegen Verfassungswert und das Gelingen von Beziehungen und Gemeinschaft. Das ist breit mehrheitsfähig.

Welche Unternehmen beteiligen sich (national und international) und wie kann man selbst aktiv werden?

Mehr als 1800 Unternehmen unterstützen die Initiative ideell auf der Website. Rund 250 haben die Gemeinwohl-Bilanz final erstellt und beginnen miteinander zu kooperieren: Sie kaufen bei sich gegenseitig ein, wechseln zu ethischen Banken und lernen Kooperation.

Die Unternehmen kommen aus allen Branchen und reichen derzeit vom Einpersonen-Unternehmen bis zu Mittelständlern mit bis zu 2000 Beschäftigten. Die Universitäten Flensburg und Kiel starteten im März ein Forschungsprojekt mit DAX-Konzernen zur Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz. Dieses Projekt wird vom Bildungsministerium in Berlin gefördert.

Nebenberuflich ist Christian Felber seit 2004 auch zeitgenössischer Tänzer © Uschi Oswald

Nebenberuflich ist Christian Felber seit 2004 auch zeitgenössischer Tänzer © Uschi Oswald

Der „Gesamtprozess Gemeinwohl-Ökonomie“ bietet allen AkteurInnen in der Gesellschaft niederschwellige Mitmach-Möglichkeiten. Neben Unternehmen arbeiten wir mit „Gemeinwohl-Gemeinden“, die wiederum ethische Unternehmen und Banken fördern.

In Südtirol ist die erste Gemeinwohl-Region entstanden. Unser Ansatz ist von unten nach oben: Jede Person kann Mitglied werden oder sich aktiv engagieren: durch die Gründung einer Regionalgruppe, durch die fachliche Mitarbeit als OrganisatorIn, JuristIn, IT-ExpertIn, BeraterIn, AuditorIn, ReferentIn oder BotschafterIn – oder durch die Initiierung lokaler BürgerInnen-Beteiligungsprozesse in der eigenen Wohngemeinde.

In Deinem neuen Dokumtarfilm über die Gemeinwohl-Ökonomie, der als Creative Commons-Lizenz kostenfrei vertrieben werden soll, sagst Du, dass sich 90% der Menschen eine neue Wirtschaftsordnung wünschen. Warum ist es so schwer, diese auch in der Realität umzusetzen?

Es gibt verschiedene Hemmfaktoren: Zuallererst das Menschenbild. Immer noch glauben viele Menschen, dass wir von Natur aus egoistisch und auf Konkurrenz programmiert seien. Deshalb beteiligen sie sich nicht an der Reformbewegung, weil sie gar nicht an eine Alternative glauben: die Köpfe sind vom Kapitalismus formatiert.

Zweitens stehen die Machtverhältnisse einer raschen und grundlegenden Veränderung entgegen. Diese muss langsam und von den Rändern her wachsen, bis sie eines Tages in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dort ist das Gemeinwohl am besten und ganz natürlich verortet.

Die Idee von der Gemeinwohlökonomie ist sehr ähnlich dem indigenen Gedanken aus Südamerika, wo die Mutter Erde „Pachamama“ für alle da ist, aber niemals von jemanden besessen werden kann. Du bist aktuell auch in Südamerika aktiv. Trifft hier die Gemeinwohlökonomie auf fruchtbareren Boden als in Europa?

Der Boden ist anders fruchtbar. Zum einen sind die Grundideen und Werte längst verankert und gar nicht neu. Zum anderen aber ist politisches Engagement gefährlicher und zivilgesellschaftliche Institutionen nicht so gefestigt wie in Europa. Engagierten Menschen fehlen die Ressourcen, um wirksame Organisationen und Bewegungen rasch aufzubauen.

Dennoch geht es voran, Schritt für Schritt. Soeben erhielt ich das Protokoll aus Kolumbien und staune, mit welcher Energie die Menschen kooperieren. In Chile war ich auf Einladung des Wirtschaftsministeriums. Ich halte es sogar für möglich, dass Regierungen die Gemeinwohl-Ökonomie angehen werden, vielleicht sogar zuerst in Lateinamerika.

Was hat es mit TTIP genau auf sich und warum sollen wir hier, z.B. als kleines Naturkosmetik-Unternehmen vorsichtig sein?

Das TTIP ist der Versuch, demokratische Prozesse zu schwächen und durch „Superregulierungen“ (das sind Vorschriften, wie Gesetzgeber regulieren dürfen und wir nicht) sogar zu verbieten!

Unter dem Deckmantel des „Freihandels“ ist progressive Entdemokratisierung, manche sagen, ein schleichender Staatsstreich, geplant. Ich nenne es die Errichtung einer Handelsdiktatur: Der Handel wird zum Oberziel, alles andere wird untergeordnet: Die USA haben den zweiten Menschenrechtspakt nicht ratifiziert, 6 von 8 ILO-Kernarbeitsnormen nicht, weder das Kyoto-Protokoll noch die UN-Artenvielfaltskonvention, und auch nicht die UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt.

Bedingungsloser „Freihandel“ belohnt eine solche Politik anstatt durch klare Bedingungen die Ratifizierung dieser Abkommen und damit den Schutz universaler Werte anzureizen. Diese Grundsatzthemen betreffen uns alle.

Ich empfehle den Kosmetik-UnternehmerInnen, das undemokratische TTIP abzulehnen und sich stattdessen für einen ethischen Binnenmarkt und eine alternative Welthandelsordnung zu engagieren. Einen genauen Vorschlag inklusive „souverän-demokratischem“ Prozess dazu habe ich ausgearbeitet.

Vielen Dank für das Interview!

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