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Geschäftsmodellentwicklung mit System: Innovationen durch Fokus auf die eigene Stärke

Ich glaube, ich spreche für viele von uns, wenn ich sage „ Ich habe so viele Ideen im Kopf, dass ich gar nicht weiß wo ich anfangen soll“. Leider hat der Tag nur 24 Stunden – die Woche nur 7 Tage – und ich nur einen Kopf. Mist – wenn ich mich nur klonen könnte. Aber bis diese Innovation spruchreif ist, müssen wir wohl unsere Prioritäten klar setzen und uns Zeit für die die besten, gewinnbringendsten Ideen nehmen. Welche Tools der Geschäftsmodellentwicklung gibt es dafür? Und welche Rolle spielen dabei der Kundenwunsch und die persönliche(n) Stärke(n)?

Zeit hatten die TeilnehmerInnen des diesjährigen Tiroler Wellness Kongresses. Sie konnten den Kongressnachmittag nutzen, um eigene Geschäftsideen mit anderen Teilnehmern und Experten auszuarbeiten und zu diskutieren. Von neuen kreativen Kommunikationskonzepten für die Hotellerie über einzigartige Positionierungsideen bis zu verbesserten Angeboten für qualifiziertes Saunieren, war alles vertreten. Ziel war es, für bestehende Ideen die ersten Schritte Richtung Geschäftsmodellentwicklung zu gehen.

Kundenwunsch vs. persönliche Stärken und frühe Testing-Phase

Geschäftsmodellentwicklung: Auf Kundenwünsche eingehen ist wichtig. Aber lohnt es sich auch für das Unternehmen? Foto: Standortagentur Tirol

Geschäftsmodellentwicklung: Auf Kundenwünsche eingehen ist wichtig. Aber lohnt es sich auch für das Unternehmen? Foto: Standortagentur Tirol

Zu Beginn luden wir die Teilnehmer auf eine kleine Reise ins Innovationsmanagement ein. In meinem Impulsreferat wollte ich nicht den klassischen Weg von der Idee zur Innovation erläutern, sondern auf Besonderheiten eingehen, die in den letzten Jahren fokussiert werden. Das ist zum einen die Differenzierung zwischen dem customer based und ressource based Ansatz zur Entwicklung von Innovationen.

In der Vergangenheit wurde meist der Kundenwunsch in den Mittelpunkt gestellt. Egal ob Infinity Pool oder neue Massageliege. Es wird gekauft, weil der Gast es will. Aber nur selten wird überlegt, was die eigenen, ganz persönlichen Stärken, Interessen, Ressourcen sind.

Wofür brenne ich?

Welche Gäste möchte ich in meinem Haus, meiner Region haben? Im Gegensatz dazu nimmt der ressource based Ansatz die bestehenden Gegebenheiten als Basis. Ein Beispiel ist die Hohe Tauern Health Region. Die natürliche und einzigartige Ressource Wasserfall steht als Kernkompetenz im Mittelpunkt und rundherum wird ein passendes Angebot kreiert. Solche Innovationen kommen selten als Wunsch vom Kunden, der sich seiner Bedürfnissen oft gar nicht bewusst ist.

Ein weiteres Beispiel hierzu mit hohem Innovationsgehalt ist das Smartphone. Die wenigsten Handyuser hätten sich vor 10 Jahren ein Handy gewünscht, dass größer ist, versehen mit einem Multi-Touch-Screen, die Kamera für den Alltag ersetzt und unsere Vitalfunktionen überprüft . Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus oder wir wissen nicht was (technisch) möglich ist. Natürlich sind wir involviert in die Entwicklung und die Anbieter orientieren sich an unseren Wünschen, aber der Kern der Innovation kommt nicht vom Kunden.

Beim Tiroler Wellness Kongress wurde erstmalig eingeladen, eigene Ideen einzubringen. Foto: Standortagentur Tirol

Beim Tiroler Wellness Kongress wurde erstmalig eingeladen, eigene Ideen einzubringen. Foto: Standortagentur Tirol

Eine weitere Besonderheit ist der Zeitpunkt der Testing Phase. Früher wurden Ideen erarbeitet, evaluiert und in seitenweise Businesspläne gegossen, umfangreich entwickelt und – nach viel Zeit und Geld – getestet. Heute weiß man, dass die Phase des Testens viel früher erfolgen muss. Somit wird Preprototyping zum Schlüsselwort. Bekannte Wirtschafter wie Steve Blank oder Eric Ries haben mit Sätzen „Get out of the building“ und „Fail often, Fail fast, Fail cheap“ diese Veränderungen auf den Punkt gebracht.

Geschäftsmodellentwicklung mit System mit der Business Model Canvas

Nach diesem allgemeinen Einstieg ging es dann „in medias res“ – die Geschäftsmodellentwicklung. Um ein Geschäftsmodell zu entwickeln, gibt es verschiedenste Tools. Ganz prominent und aktuell hipp ist das Business Model Canvas von Alex Osterwalder. I’m loving it. Dabei werden die essentiellen Bereiche auf Unternehmensseite und Kundenseite erarbeitet. Die zentralen Fragen sind dabei „Was ist der Nutzen?“ und „Welches Kundensegment spreche ich an?“. Mit diesen beiden Fragen befassten wir uns auch im Workshop.

Um diese beiden Fragen aufzuschlüsseln wurde der Value Proposition Ansatz entwickelt. Quasi eine Vorstufe des Business Model Canvas. Denn die Erfinder haben schnell festgestellt, dass diese zentralen Felder einer konkreteren Betrachtung bedürfen. Klingt nach viel „Management Bla Bla“ ist aber sehr hilfreich und einfach zu handhaben. Mit Fragen wie „Welche Jobs versucht der Kunde zu erledigen, um die gewünschte Befriedigung zu erhalten“, „Welche „Schmerzen“ hat er dabei?“ „Welchen Nutzen erhofft er sich“, „Welche konkreten Produkte/Services bieten wir für den Nutzen?“, „Wie löst unser Angebot den Schmerz?“, „Wie befriedigen wir den erhofften Nutzen?“ befasst man sich mit der Kernessenz des angebotenen Produkt/Dienstleistung. Im Rahmen unseres Workshops haben wir gemeinsam diese Fragen beantwortet und so systematisch Nutzen und Kundensegmente für die Idee erarbeitet, als Basis zur weiteren Bearbeitung des Business Modell Canvas. Diese weitere Bearbeitung wird individuell im Herbstprogramm des Cluster Wellness Tirol angeboten.

„Get out of the building“ – vernetz dich mit anderen und hol dir deren Input

Bei allen Tools ist aber eines unverlässlich – die Vernetzung. Denn ein Hirn denkt einfach nicht so viel wie zwei und „Betriebsblindheit“ hat schon Konzerne ruiniert. Gleichzeitig ist es spannend, Inputs aus anderen Branchen zu erhalten, damit man nicht immer im selben Saft surt und mit der rosa Brille bekleidet erfolglos durch die Unternehmerbranche stapft. Die Inspiration, die durch den Austausch mit anderen erfolgt, macht Dinge klarer, bevor man sich verrennt, ermöglicht die Kompetenzerweiterung ohne eigene Ressourcenverschwendung und ist die Quelle vieler Innovationen. Oder wie viele tolle Ideen und Kooperationen sind schon an langen, feucht-fröhlichen Abenden in ungezwungener Atmosphäre entstanden? Jeder von euch kann welche aufzählen, sofern ihr schon mal beim SpaCamp wart. 🙂

Konkrete Idee aus dem Workshop: Saunieren professionalisieren und Mehrwert kommunizieren

Das Entspannen sollte im Vorergrund stehen, nicht das "How-to-do". Foto: Hermann Werlberger

Das Entspannen sollte im Vorergrund stehen, nicht das „How-to-do“. Foto: Hermann Werlberger

Es geht darum mehr Qualität und Wissen ins Saunieren zu bringen. Die dahinter liegende Problemstellung ist, dass viele Nutzer der Wellnessanlage nicht wissen wie „richtiges“ Saunieren geht. So legt sich der Gast schon mal gern als erstes in die finnische Sauna bis so richtig der Schweiß von der Nase tropft – man will ja was davon haben – und wundert sich wenn der Kreislauf verrücktspielt, der Kopf brummt oder leichte Übelkeit auftritt. Abgesehen davon, dass auch ohne diese Symptome diese Art keine gesundheitsförderliche Wirkung hat.

Ein weiteres Problem ist, dass fehlendes Wissen über die Möglichkeiten des Saunierens verunsichern – fragen traut man sich nicht, denn „so schwer ist das wohl nicht“. Auch gibt es selten Information über das Saunieren, die der Gast vor Ort einfach beziehen kann. Das Einzige was der Gast in den Anlagen findet, ist der Name der Sauna, eventuell noch die Gradanzeige und manchmal sogar noch diese mega-old-school Saunaschilder. Eine passende Kommunikation der richtigen Anwendung mit Abfolge und Vorstellung neuer Angebote kann hier viel bewegen. Ebenso könnte dies den Zugang zu neuen Zielgruppen erleichtern, die durch Aufklärung erkennen wie viele Vorteile Saunieren bietet.

Ein spannendes Thema, das viele Möglichkeiten eröffnet, wenn man sich ein bisschen hineindenkt. Eventuell wurde ja gerade ein SpaCamp Thema geboren?! Ich würde mich auf alle Fälle über euer Feedback freuen.