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Back to the Roots: internationale Spa-Kultur im Visier – im Gespräch mit Globetrotterin Judith Ertler Hernández

Die Weltenbummlerin und Spa-Trendsetterin lebt ihre Passion für die Spa-Branche als Management Consultant, Dozentin und Recruiterin. Von ihrer Homebase in Graz aus bereist sie die ganze Welt – um zu beraten, aber auch um von internationalen Playern zu lernen. Im Rückreisegepäck immer wieder neue Erfahrungen und wertvolles Know-How, welches sie in ihr tägliches Tun einfließen lässt. Im Interview erzählt sie unter anderem, warum sie Spa-Kultur als Schlüssel zur Seele der Menschheit sieht, welche Trends sich gerade auf internationalen Spa-Bühnen entwickeln und welche Chancen Europa hier hat.

Judith Ertler Hernández Hanoi

Judith lernt und lehrt auf internationaler Ebene – hier auf der University in Hanoi, Vietnam. Foto: Judith Ertler Hernández

Du kennst die Spa-Branche sehr gut. Wie schätzt du das europäische Spa-Potential im internationalen Vergleich ein?

Ruinen von Außen

Sauna Ruinas de Tulum, Mexiko. Foto: Judith Ertler Hernández

Ich sehe sehr viel Potential in der europäischen Vielfalt. Das ist auch der Grund, warum ich mich selbst als stolze Europäerin und nicht „nur“ als Österreicherin vorstelle. Wenn wir Europa als Einheit betrachten, dann finden wir auf relativ kleiner Fläche jede Menge Brauchtum, Know-How, bauliche Spezialitäten und kulturelle Besonderheiten. Europa präsentiert sich fortschrittlich, leistungs- und technikorientiert – uns fehlt aber oft der Mut, den USP (=unique selling proposition) der Vielfalt nach außen zu tragen und sichtbar zu machen. Stattdessen orientieren wir uns auch in der Spa-Branche „sicherheitshalber“ an den großen Vorreitern wie Asien oder den USA.

Wie wichtig ist es, dieses Potential zu einem Aushängeschild Europas zu machen?

Meiner Meinung nach gelingt es einzelnen europäischen Nationen sehr gut, ihr Spa-Potential zu vermarkten. Ich denke zum Beispiel an die skandinavischen Saunarituale, die ein Markenzeichen für diese Region geworden sind. Wenn ich europäisch denke, dann müssen wir unser Potential der Vielfalt noch stärker ausschöpfen und kommunizieren. Durch den kulturellen Reichtum haben wir auch die Chance den Fokus auf ursprüngliche, authentische Erlebnisse zu legen und eine vielseitige europäische Spa-Kultur zu leben und anzubieten. Das fernöstliche Wissen hat sich auch in Europas Spa-Angebot gut etabliert – das bedeutet aber nicht, dass wir unser ureigenes Potential nicht stärker sichtbar machen dürfen. In Schweden habe ich zum Beispiel die sogenannten „Spa-Circuits“ in Spa & Conference Hotels kennengelernt – solche Hotels boomen, weil diese Art der Spa Dienstleistung nicht an Terminvereinbarungen geknüpft ist und die Spa Hardware erlebbar macht.

Du bist privat und beruflich eine Globetrotterin. Welche (vielleicht noch nicht so verbreiteten) Spa-Trends konntest du auf deinen letzten Reisen aufspüren?

Natürlich beschäftige ich mich beruflich sehr viel mit internationalen Spa-Trends. Ich selbst erlebe gerade drei Konzepte, die sich stark entwickeln und in Bewegung sind.

  • Das Prinzip vom „glücklich sein“, das in vielen Kulturen verankert ist, wird immer mehr zum Spa-Konzept. „Ikigai“ – die japanische Bezeichnung für den Sinn des Lebens bzw. das, wofür es sich zu leben lohnt – findet Einzug im Spa. Spa wird immer mehr zum Raum für Persönlichkeitsentwicklung. Die Reinigung und Pflege von innen bekommt mehr Aufmerksamkeit als die Schönheit der Hülle. Die Lehre vom Glück, der Zugang zum tiefsten Inneren, der Einklang von Kör
    Eingang Eco Spa Mexico

    Eco Spa in Tulum, Mexico. Foto: Judith Ertler Hernández

  • Die Entwicklung von hochwertigen Eco-Resorts: Ohne elektrischen Strom bedeutet hier keinesfalls Verzicht. Die sehr luxuriösen, nachhaltigen Resorts unterstützen durch bewusstes „Weglassen“ die Besinnung auf das Wesentliche.
  • Transformative Wellness Travel: Der Reisende erwartet sich mehr als Erholung und Entspannung. Spa-Erlebnisse schaffen Tiefe, erden, verbinden mit seiner selbst und den Menschen fremder Kulturen. Die Spa-Kultur eröffnet eine neue Tür zum ganzheitlichen Tourismus. Wellnessorientierte Touristen lernen Land und Leute auf einer neuen Ebene kennen – indem sie eintauchen in typische Spa-Rituale und Kultur noch ein Stück authentischer erleben.

Welche globalen Spa-Trends können sich aus der europäischen kulturellen Vielfalt entwickeln?

Die Besinnung auf authentische Spa-Erfahrungen birgt auch viele Chancen für hiesige kulturelle Prägungen. Wenn wir an die Bedeutung von Klöstern in unserer Kultur denken, sind diese ideale Orte für authentische Spa-Erlebnisse. Europa ist geprägt von einer harten Geschichte und auch Klöster haben eine dunkle Vergangenheit. Doch sie waren nicht nur Orte der Bestrafung, sondern auch Stätten des Lichts, der Meditation und der Fülle des Seins. Dieser positive Kontext muss ins eigene kulturelle Bewusstsein um diese kraftvollen Stätten neu zu beleben und Spa-technisch zugänglich zu machen.

Auch Hildegard von Bingen und das überlieferte Wissen um die Wirkung von Kräutern kann in einem modernen Kontext als Spa-Erlebnis sichtbar werden.

Judith Ertler Hernández beim SpaCamp 2017

Beim SpaCamp 2017 thematisierte Judith die Herausforderungen der europäischen Spa-Branche. Foto: Jasmin Walter Photography

Welche Herausforderungen siehst du auf die europäische Spa-Branche zukommen?

Wir haben nach wie vor einen Fachkräftemangel. Die „Hardware“, wenn man es so nennen will, ist auf einem guten Level. Aber diese muss auch optimal bespielt werden. Ich bin der Meinung, dass die Branchenausbildung längst überdacht werden muss. Die Anforderungsprofile von Spa-Mitarbeitern sind anders, als die einer Fachkraft im lokalen Beauty-Institut. Zum einen muss der Ansatz sein, die Ausbildungen entsprechend der Anforderungen zu entwickeln und zu differenzieren. Zum anderen sehe ich auch Handlungsbedarf im Bereich der Anreizsysteme. Auch in dieser Sparte sehe ich viel Spielraum zur attraktiveren Jobgestaltung. Die ganze Branche (unter anderem Spa Manager, Hoteliers, Investoren, Institutsbetreiber, Wirtschaft, Bildungsstätten und Gesetzgeber) muss sich trauen, in eine neue Richtung zu denken.

Welche Kulturen haben deiner Meinung nach ein starkes Spa-Selbstbewusstsein und warum?

Es gibt tatsächlich Kulturen, die ein stärkeres und ausgeprägteres Spa- und Wellnessbewusstsein haben als andere. Das ist immer dann der Fall, wenn Wellness nicht für den Gast inszeniert wird, sondern ganz natürlich zum Leben gehört.

Wellness als integrierter, gelebter Bestandteil der Kultur hat einen ganz anderen Erlebniswert.

Das Spa-Selbstbewusstsein der Skandinavier ist zum Beispiel im Bereich der Sauna- und Badekultur riesig. Frankreich hingegen zelebriert regelrecht seine Parfum- und Aromenkultur. Rituale wie die beliebte Thalasso-Behandlung oder auch der hierzulande weniger bekannte Marche Atlantique in Nordfrankreich sind Teile der kulturellen Identität und davon abgeleitete Wohlfühlanwendungen prägen das Spa-Selbstbewusstsein dieser Nationen. In Mexiko werden Reinigungsrituale zelebriert, das Lebenskonzept der Vietnamesen dagegen basiert auf der Philosophie von Yin und Yang.

Thalasso Hotel Frankreich mit Strand im Vordergrund

So unterschiedlich wie die Menschen selbst, ist auch ihre Spa-Kultur. Thalasso Hotel in Touquet, Frankreich. Foto: Judith Ertler Hernandez

Selbstbewusste Spa-Philosophien sind also immer eingebettet in die jeweilige Kultur und bieten damit authentische Erlebnisse.

Es geht längst nicht mehr allein darum, dem Gast eine möglichst außergewöhnliche Behandlung oder Anwendung zu bieten, sondern ihn ganzheitlich abzuholen. Spirituelle Rituale die gut tun, sich in gute Hände begeben, Berührung genießen aber auch in der Tiefe des Seins berührt werden. Wellness ist nicht länger Konsumartikel den ich dann in Anspruch nehme, wenn ich mich energie- und kraftlos fühle. Wellness ist vielmehr ein Lebenskonzept und darf auch im Alltag Platz finden.

Sowie die Spa-Kultur der Schlüssel zur Seele eines Volkes ist und das Kennenlernen von Kulturen durch typische Rituale auf einer anderen Ebene gelingt, so ist die eigene Spa-Kultur auch der Schlüssel zum eigenen Inneren.

Auch wenn die asiatische Kultur große Präsenz in der internationalen Spa-Branche genießt, dürfen auch wir Europäer Gäste dazu einladen, uns und unsere Kultur durch unsere Spa-Rituale kennenzulernen. Und das in einer Vielfalt, die wir international präsentieren und sichtbar machen müssen!

Danke liebe Judith für das Gespräch und den spannenden Ausflug in die internationale Spa-Branche.