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Spa- und Wellness-Innovationen in Zeiten der Pandemie – Interview mit Lutz Hertel vom Deutschen Wellness Verband

Innovationen fördern und auszeichnen – das möchten die Wellness & Spa Innovation Awards, welche vom Deutschen Wellness Verband vergeben werden. Initiator Lutz Hertel verrät, welche Entwicklungen aus der Corona-Krise ihn überrascht haben und warum es sich lohnt, sich für den Award zu bewerben. Der Wellness-Experte hat außerdem ein eigenes Modell entwickelt, welches die Ganzheitlichkeit von Wellness aufzeigt. Im Interview gibt er einen kleinen Einblick in die verschiedenen Teilaspekte.

Die Krise war gerade im Spa- und Wellnessmarkt großer Innovationstreiber. Foto: Adobe Stock/csdecoret

Die Krise war gerade im Spa- und Wellnessmarkt großer Innovationstreiber. Foto: Adobe Stock/csdecoret

Durch den aktuellen Lockdown kommt die menschliche Berührung massiv zu kurz. Wie schätzt du die aktuelle Situation aus Wellness-Sicht ein und wie wird es sein, wenn Nähe wieder möglich ist?

Berührung ist ein vitales Grundbedürfnis und über die gesamte Lebensspanne für die meisten Menschen von essenzieller Bedeutung. Im Zuge der Infektionsschutzmaßnahmen wurde uns die Möglichkeit beliebiger physischer Nähe genommen. Solange zuverlässige Test-Konzepte nicht umgesetzt und letztlich hinreichender Impfschutz der Gesellschaft fehlt, bleibt uns im Umgang mit dieser neuen Seuche aber kaum eine bessere Wahl. Was man bei der Abwägung dieser sogenannten Kollateralschäden bedenken muss: Nur wenige Menschen leben infolge des Lockdowns und Shutdowns in völliger menschlicher Isolation. Sie trifft der Berührungsentzug aber natürlich mit voller Wucht, und das hat nicht nur seelische, sondern auch gesundheitliche Konsequenzen.

Ich selbst habe als vierjähriges Kind über Wochen völlig allein in einem Krankenzimmer auf einer Isolationsstation verbringen müssen und kann die Sehnsucht nach menschlicher Nähe in einer solchen Situation sehr nachempfinden. Man kann das nicht mit der Sehnsucht nach Wellness- und Spa-Treatments vergleichen. Dennoch erwarte ich nach der breiten Wiederöffnung dieser „körpernahen Dienstleistungen“ eine starke Nachfragewelle. Meine Frau betreibt ein kleines Spa in Hamburg und sie hat allein in den letzten beiden Tagen mehr als hundert Terminanfragen erhalten.

Die Menschen sehnen sich nach dem Wiedereröffnung nach Berührung und körpernahen Dienstleistungen. Foto: Adobe Stock/Anna Jurkovska

Die Menschen sehnen sich nach dem Wiedereröffnung nach Berührung und körpernahen Dienstleistungen. Foto: Adobe Stock/Anna Jurkovska

Not macht erfinderisch und Zeiten wie diese sind oftmals große Innovationstreiber. Welche Spa- und Wellness-Innovationen findest du spannend und werden deiner Meinung langfristig bleiben?

Der relativ schnelle Umstieg auf digitale Angebote hat mich beeindruckt. Mir hat es imponiert, wie viele Yogalehrende oder Fitness Instructors auch mit wenig oder gar keiner Erfahrung den Sprung zu den Video-Formaten gemeistert haben. Anti-Stress-, Meditations- und Schlaf-Apps haben ihren Absatz deutlich steigern können. Andererseits ist klar: Hands-On-Dienstleistungen wie Massagen oder andere Körperbehandlungen lassen sich nicht medial als Zoom-Anwendung erbringen. Das hat uns schmerzlich die Schwachstelle solcher Angebote bewusst gemacht.

Aber Wellness umfasst ja sehr viel mehr und das haben die Menschen erfreulicherweise auch realisiert. Bewegung, allen voran Spazierengehen und leichtes Laufen, haben sich zu Top-Trends entwickelt. Aktive Entspannung zu Hause, ob mit Yoga-Techniken oder per App instruierten Meditationen haben noch mehr Praktizierende gefunden. Gemeinsam Essen und Kochen zu Hause ist wieder ein ganzes Stück normaler geworden. Die Lockdowns haben allen Formen von „Wellness at Home“ wachsende Umsätze beschert. Auch wenn ich das nicht als innovativ einstufen würde.

In den Spa- und Wellnessunternehmen hat man sich zwischen den Lockdowns des letzten Jahres gezwungenermaßen gute Gedanken zur Umsetzung der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen gemacht und teils innovative Lösungen entwickelt. Einiges davon könnte man beibehalten, wenn eines Tages der hoffentlich letzte Lockdown hinter uns liegen wird.

Ein neuer Acryl-Hygieneschutz gibt nicht nur in Coronazeiten mehr Sicherheit an der Kosmetik-/Wellnessliege. Foto: Angela Jung

Ein neuer Acryl-Hygieneschutz gibt nicht nur in Coronazeiten mehr Sicherheit an der Kosmetik-/Wellnessliege. Foto: Angela Jung

Der Deutsche Wellness Verband vergibt die Wellness & Spa Innovation Awards. Die Anmeldung ist noch bis 31. März möglich. Warum sollte man sich bewerben und wie funktioniert das genau?

Unsere Branche ist noch immer jung mit enorm viel Entwicklungspotenzial. Wir wollen mit den Wellness & Spa Innovationen des Jahres die Sichtbarkeit neuer Ideen verbessern und sie natürlich auch belohnen. Die großen, etablierten Unternehmen haben Entwicklungs- und Marketingbudgets – die kleineren oder die Soloselbständigen eher nicht, obwohl auch sie pfiffige neue Produkte und Dienstleistungen entwerfen. Wir geben ihnen allen die gleiche und günstige Chance auf eine Nominierung als Wellness & Spa Innovation des Jahres und natürlich auch auf den Gewinn eines Awards.

Schon die Nominierung verschafft mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit im Markt. Wir berichten auf verschiedenen Kanälen darüber. Der Gewinn eines unserer Awards – dieses Jahr in fünf Kategorien – kann sich enorm auf Nachfrage und Umsatz auswirken, das wissen wir von bisherigen Preisträgern. Wird eine eingereichte Bewerbung von uns nicht als Innovation nominiert, fallen übrigens keinerlei Kosten an.

Das Procedere ist denkbar einfach: Man besucht die Website www.wellness-innovation.eu , beschreibt seine Neuheit mit einem aussagekräftigen Kurztext, lädt ein passendes Foto und eine pdf-Datei mit einer ausführlichen Erläuterung hoch, entscheidet sich für eine Award-Kategorie und drückt auf „Absenden“. Das muss aber bis spätestens 31. März erfolgen. Die Bewerbung wird dann sofort geprüft. Wird sie positiv bewertet, erhält man das Nominierungslogo und geht mit den übrigen Bewerbern seiner Kategorie in das Rennen um die Innovation Awards 2021. Die Preisträger werden von einer Jury ermittelt und am 27. Juni bei einer digitalen Veranstaltung bekannt gegeben. Also: Einfach mitmachen, es gibt eigentlich nichts zu verlieren.

2019 konnten die Wellness & Spa Awards noch live verliehen werden, wie hier an Roland Bachstein für lounge8. 2021 wird es eine digitale Verleihung geben. Foto: Rolf Ebeling

2019 konnten die Wellness & Spa Awards noch live verliehen werden, wie hier an Roland Bachstein für lounge8. 2021 wird es eine digitale Verleihung geben. Foto: Rolf Ebeling

Du bist bereits 30 Jahre in der Wellness-Branche aktiv und hast nun selbst ein Wellness-Modell veröffentlicht. Welche neuen Erkenntnisse hast du hier integriert?

Das Modell liefert neue Erkenntnisse für alle, die bislang der Meinung waren, Wellness beschränke sich auf Angebote und Erlebnisse von Entspannung und Verwöhntwerden, also das, was das Hauptgeschäft der Spa-Branche ist. Susie Ellis, die Inhaberin der amerikanischen Voucher-Plattform Spafinder, erkannte schon vor über 10 Jahren, dass diese Branche nur ein kleiner Fisch im großen Ozean des Big Wellness Business ist. Nun ist der Deutsche Wellness Verband bekanntlich kein kommerzielles Unternehmen. Wir wollen inspirieren, qualifizieren und unsere Mitglieder zu Wellness-Profis im eigentlichen Sinne des Konzepts entwickeln. Denn damit verbinden sich auch berufliche und geschäftliche Chancen. Mein Wellness-Modell soll also als ein konzeptionelles Gerüst dafür behilflich sein.

Think Wellness. Live Wellness. Create Wellness. Das neue Modell verdeutlicht das ganze Spektrum der Anwendungen Foto: Lutz Hertel

Think Wellness. Live Wellness. Create Wellness. Das neue Modell verdeutlicht das ganze Spektrum der Anwendungen Foto: Lutz Hertel

Was hat es genau mit dem „Wellness-Mindset“ auf sich?

Es wurde ja schon gelegentlich gesagt: „Wellness beginnt im Kopf!“ Das stimmt. Aber was heißt das genau? Gemeint ist die Mentalität, der Mindset. Ich habe die fünf grundlegenden Säulen eines Wellness-Mindsets in das Modell integriert, die sich aus den Konzepten der großen Baumeister der Wellnessbewegung ableiten: Dunn, Ardell, Hettler und Travis. Aus dem Mindset ergibt sich unser Verhalten, das sich unter dem Aspekt „Wellness“ in fünf Lebensstil-Dimensionen auffächern lässt. Mindset und Lebensstil bestimmen zu einem großen Teil, ob wir alles in allem ein zufriedenes, produktives und sinnvolles Leben führen.

Wellness wird gerne als „Ich-Zeit“, als erholsamer Rückzug vom Alltag verkauft. Solche Auszeiten haben ihren Platz in meinem Modell, aber sie sind nicht der Dreh- und Angelpunkt, wie man schnell erkennt, sondern ein Mosaikstein des Lebensstils. Wir Menschen leben in kleinen und großen Zusammenhängen, in einem vielfältigen Umfeld, das auf uns einwirkt, das wir aber selbst auch mitgestalten können. Mein Modell zeigt, wie vielfältig Wellness in Erscheinung tritt. Und an welchen Stellschrauben wir drehen können, um uns selbst und andere Menschen auf dem Weg zu High Level Wellness wirksam zu unterstützen.

Was uns bislang völlig fehlt sind begeisterte Wellness-Aktivisten, die sich dafür engagieren, dass Wellness in seiner wirklichen Bedeutung verstanden und gelebt wird, und dass sich die Rahmenbedingungen für mehr Wellness verbessern. Wer Lust darauf hat, darf sich gerne bei mir melden. Ich habe meinen Wellnessweg 1990 auf der National Wellness Conference an der University of Wisconsin in Stevens Point begonnen. Hier ist der Funke der Begeisterung auf mich übergesprungen. Und immer noch bin ich auf der Suche nach gleichgesinnten Verbündeten.

Angesteckt mit dem Wellness-Virus beim ersten Besuch der amerikanischen National Wellness Conference 1990. Foto: Lutz Hertel

Angesteckt mit dem Wellness-Virus beim ersten Besuch der amerikanischen National Wellness Conference 1990. Foto: Lutz Hertel

Vielen Dank, Lutz Hertel, für deine ausführlichen und teils persönlichen Antworten. Wir sind schon sehr auf die Verleihung der Wellness & Spa Innovation Awards gespannt und drücken die Daumen für viele Anmeldungen!