Spa Magazin

Das Spa-Hotel der Zukunft: ein Ort, wo weniger mehr ist?!

Wir haben Jeannine Hermann von der Standortagentur Tirol und Michaela Thaler von Best Alpine Wellness Hotels gebeten, das „Hotel der Zukunft“ für uns zu skizzieren. Ist es ein Ort, wo ein immer breiteres Angebot möglichst viele Bedürfnisse erfüllt oder eher ein Ort, wo weniger mehr ist? In ihrer Session beim SpaCamp 2021 haben die beiden spannende Impulse zum Thema gegeben und mit den Teilnehmer:innen ausgiebig diskutiert. Wir haben nachgefragt, wie sie das Bild des Spa-Hotels der Zukunft nach der Session zeichnen würden.

Das Hotel - ein Ort, wo weniger mehr ist? Foto: AdobeStock/NicoElNino

Das Hotel – ein Ort, wo weniger mehr ist? Foto: AdobeStock/NicoElNino

Wie seht ihr das Spa-Hotel von morgen und wie unterscheidet es sich vom Spa-Hotel heute?

Jeannine Hermann, Programm Managerin Wellness & Gesundheit bei der Standortagentur Tirol: Aus meiner Sicht gibt es nicht DAS „Spa-Hotel von morgen“. Es werden weiterhin Häuser auf die Strategie „alles und davon möglichst viel“ setzen. Gleichzeitig glaube ich, dass es in Zukunft auch einen Markt für die Devise „weniger ist mehr“ geben wird. Es geht hier nicht ausschließlich um Nachhaltigkeit – das ist ein positiver Nebeneffekt. Vielmehr geht es darum, Unnötiges und Unnützes wegzulassen, um Dingen wie der Kreativität und den freien Gedanken wieder mehr Raum zu geben. Die ständige Bespaßung im Urlaub, das überdimensionierte Angebot an Saunen, zig Marken und unzählige Anwendungen überfordern die Gäste. Die Qual der Wahl wird zum Stressfaktor und der zeitliche Druck in drei bis vier Wellnesstagen alles ausprobiert haben zu müssen und alle zehn Kuchensorten zum Nachmittagskaffee gekostet haben zu müssen stehen am negativen Ende der Skala von Entspannung und Erholung. Ich bin überzeugt davon, dass wir im Spa-Hotel von morgen ausreichend Zeit haben werden, Langeweile zu spüren und diese auch genießen! Es lenkt uns nicht vom Leben ab, sondern schenkt uns Zeit, um das Leben wieder vollumfänglich zu spüren.

Michaela Thaler, Geschäftsführerin bei den Best Alpine Wellness Hotels: Ich stimme zu, dass wir weiterhin sehr viele unterschiedliche Angebote am Markt finden werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Menschen gibt, für die sich die höchsten Genuss- und Luxusmomente im Urlaub nicht durch Überfluss und Verschwendung definieren, sondern als bewusster Genuss und Wertschätzung für Erlebnisse und Ressourcen.

Michaela Thaler, Best Alpine Wellness Hotels beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Michaela Thaler, Best Alpine Wellness Hotels beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Welche Gedanken und Ideen eurer SpaCamp-Session sind euch besonders in Erinnerung geblieben?

Jeannine Hermann: Ich habe mich über den positiven Input der Teilnehmer:innen gefreut, die die Reduktion auf Wesentliches nicht als Rückschritt, sondern als Chance sehen. Natürlich habe ich aber auch kritische Einwände gegen ein Konzept von „weniger ist mehr“ wahrgenommen. Die berechtigte Frage kam auf, ob sich nicht mit mehr Attraktionen auch mehr Geld verdienen ließe und die Befürchtung steht im Raum, ob die Vision zu idealistisch gedacht ist. Man muss sich das auch leisten können und selbst ein solches Konzept muss am Ende rentabel sein.

Michaela Thaler: In allen Sessions hat man – auch wenn diese in den unterschiedlichsten Fachbereichen angesiedelt waren – gespürt, dass sich die Welt im Moment sehr schnell dreht und die Herausforderungen größer sind denn je. Was uns allen zu schaffen macht, ist die Komplexität der Herausforderungen und die erforderliche Geschwindigkeit, in der Lösungen gefunden werden müssen. Und genau diese Entwicklung macht es auch so spannend, über das Spa-Hotel von morgen nachzudenken. Muss dieses in Sachen Komplexität, Vielseitigkeit und Tempo mit dem Außen mithalten oder schafft es einen bewussten Gegenpol der Einfachheit, Reduzierung und Entschleunigung.

Liegt der Schlüssel im „weniger“ oder darf durch „Altes raus“ auch wieder „Neues rein“? Wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Jeannine Hermann: Auf alle Fälle darf auch Neues rein. Aber anders. Das Neue soll nicht wieder nur ablenken und überdecken. Wir dürfen auch nicht nur weglassen. Sonst kommt bei den Gästen wahrscheinlich gleich das Gefühl auf, dass man weniger für sein Geld bekommt. Hier kommt hinzu, dass sich unsere Gäste in den letzten Jahren an ein umfangreiches Angebot gewöhnt haben. Wenn es heute keinen beheizten Inifinity Pool mit Schwimmlänge gibt, dann hat man das Gefühl etwas zu verpassen – auch wenn man im heißen Wasser ohnehin keine Längen schwimmen kann. Man hat sich eben an gewisse Ausstattungen, Features und Attraktionen gewöhnt und empfindet diese mittlerweile als Standard.

Ich glaube die Rahmenbedingungen müssen in ein Gesamtkonzept gegossen sein. Das Konzept von „weniger ist mehr“ im Sinne des neuen Luxus von Raum und Zeit muss von Anfang bis Ende durchgedacht und umgesetzt sein. Dann kann man auch entsprechend Wertschöpfung generieren. Der Gast wird den wahren Mehrwert erkennen und bereit sein, für den Luxus von Raum und Zeit zu bezahlen.

Jeannine Hermann, Standortagentur Tirol beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Jeannine Hermann, Standortagentur Tirol beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Welche Gäste fühlen sich im von euch skizzierten Hotel der Zukunft wohl? Was können sie mitnehmen?

Michaela Thaler: Für den weit- und vielgereisten Gast mit gut gefüllter Geldbörse immer wieder neue Reize zu setzen, um das letzte Reiseerlebnis zu toppen, stößt mehr und mehr an unterschiedlichste Grenzen. Die Alternative kann es daher nur sein, wertvolle Begegnungen zu schaffen, gute Behandlungen anzubieten, regionale Besonderheiten kulinarischer oder kultureller Art nahezubringen und dem Gast das unglaubliche Erholungspotenzial der Natur zu erschließen.

Jeannine Hermann: Ich bin jetzt einmal mutig und sage, dass es für ein solches Konzept eine Gästeschicht braucht, die sehr selbstreflektiert ist und sich nicht durch materielle Güter definiert. Es setzt die innere Einstellung voraus, dass man sich Zufriedenheit und Glück nicht kaufen kann. Es ist mit Sicherheit herausfordernd, dies in ein touristisches Konzept zu gießen. Ein anderer potenzieller Gast wäre ein Mensch, der sich wieder mehr von der Unterhaltung und der Ablenkung des Alltags lösen möchte. Viele Menschen haben es verlernt, nichts zu tun, den Blick und die Gedanken in die Ferne schweifen lassen. Ich denke, dass Spa-Konzepte, die Menschen dazu einladen wieder Stille und Langeweile zu genießen, durchaus spannend sein können. Dabei nehmen die Menschen oft mehr mit als den bekannten Erholungs-Kurztrip ohne Langzeiteffekt. Und das Urlaubserlebnis oder -gefühl zum Mitnehmen war ja immer schon die Königsklasse im Tourismus.

Wie übersetzt man das Konzept von „weniger ist mehr“ nicht nur für Gäste, sondern auch möglichst authentisch für das Unternehmen selbst und dessen Mitarbeiter:innen?

Jeannine Hermann: Ich denke, dass ein Konzept von „weniger ist mehr“ automatisch auch auf das Unternehmen und die Mitarbeiter:innen Einfluss haben wird. Der Tourismus hat sich immer ausgezeichnet durch persönliche Gastlichkeit. Durch Zeit, die wir für die Wünsche unserer Gäste aufbringen. Wenn wir weniger darauf konzentriert sind, die inszenierte Welt für den Gast aufrecht zu erhalten, haben wir hoffentlich wieder Zeit für persönliche Begegnungen und echte Beziehungen. Beziehungen zu den Gästen, zu den Mitarbeiter:innen und auch zu Lieferanten und Betrieben, die mit uns interagieren.

Rege Diskussion zum Thema Reduktion beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Rege Diskussion zum Thema Reduktion beim SpaCamp 2021, Foto: Jasmin Walter Photography

Habt ihr selbst Pläne für 2022, wo ihr euch mehr auf das Wesentliche reduzieren möchtet?

Michaela Thaler: Mein Fokus liegt sehr darauf, meine Zeit „richtig“ zu nutzen. Ich versuche sehr bewusst zu entscheiden, zu welchen Veranstaltungen ich gehe, mit welchen Menschen ich meine Zeit verbringe und wann und wie oft ich elektronische Medien nutze. Ich habe auch mein Arbeitspensum gekürzt. Manchmal spüre ich dann tatsächlich so etwas wie Langeweile – einen Zustand, den ich schon überhaupt nicht mehr kannte. Dieses Gefühl ist vielleicht ungewohnt, aber für mich ganz und gar nicht negativ besetzt. Spannend ist, dass sich beim vermeintlichen Nichtstun sofort Kreativität in Gang setzt und das ist nicht nur schön, sondern auch besonders effektiv.

Jeannine Hermann: Ich persönlich lebe schon länger das Konzept von „weniger ist mehr“, beispielsweise im Bereich Kleidung. Meine Maßnahmen erfüllen aber auch meinen Anspruch an ein nachhaltiges Leben. Ich bin überzeugt davon, dass Nachhaltigkeit nur durch Reduktion funktionieren kann und je länger man auf diesem Weg unterwegs ist, desto weniger fühlt sich Reduktion nach Verzicht an. Für 2022 habe ich mir vorgenommen, im Bereich der Ernährung noch bewusster zu sein, beispielsweise durch mehr vegetarische Ernährung und die Berücksichtigung der Herkunftsbezeichnung.

Michaela Thaler und Jeannine Hermann werden auch im Rahmen der Impuls-Runde beim SpaCamp Focus Meeting „Wandel zum Wesentlichen“ am 14.3. online auf Zoom einen kleinen Einblick in ihre Erkenntnisse geben. Es gibt noch freie Plätze!