Spa Magazin

Wandel, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit – was ist das Wesentliche für den Spa-Gast? Rückblick auf das SpaCamp Focus Meeting

Vergangenen Montag, am 14.3.2022, fand das 1. SpaCamp Focus Meeting in diesem Jahr statt. 35 Teilnehmer:innen trafen sich online, um gemeinsam Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was ist das Wesentliche für den Spa-Gast? Welchen Ballast können wir als Spa-Betriebe loswerden um wieder mehr Achtsamkeit verbunden mit Nachhaltigkeit zu ermöglichen? Und welche neuen Ideen entstehen daraus?

Die Teilnehmer:innen beim SpaCamp Focus Meeting. Foto: Screenshot Zoom

Die Teilnehmer:innen beim SpaCamp Focus Meeting. Foto: Screenshot Zoom

Gleich vorweg: „Die“ Antwort auf die Frage nach dem Wesentlichen gibt es nicht. Viel mehr haben wir gemeinsam Impulse gegeben und getankt, um gemeinsam und doch individuell und authentisch den mutigen Sprung zu wagen. In der Essenz waren sich nämlich alle Teilnehmer:innen vom SpaCamp Focus Meeting einig. Ein bisschen weniger von allem, ein bisschen mehr vom Richtigen, vom Sinnvollen. Ganz nach dem Motto: Wesentliches nimmt uns nichts weg, sondern führt uns mittel- und langfristig zum wirklich Wichtigen.

Die ultimative Insider-Zauberformel zum Wesentlichen …

… die gibt es natürlich nicht! In der Impulsrunde gaben aber Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen Anregungen zum Thema und wagten Perspektiven- und Gedankenexperimente. Michaela Thaler, Geschäftsführerin der Best Alpine Wellness Hotels und Jeannine Hermann, Programm Managerin Wellness & Gesundheit bei der Standortagentur Tirol sind tief eingetaucht in die Frage, was das Wesentliche denn eigentlich bedeutet. Nicht für jeden ist dies gleichzusetzen mit Nachhaltigkeit. Das, was das Wesentliche für den Einzelnen ist, ist von den eigenen Werten abhängig. Sie bestimmen, wie die eigene Arbeit, das Unternehmen und der Umgang mit Mitarbeiter:innen und Gästen ausgerichtet sind.

Einfach, klar, geleitet. Foto: Diana Sicher-Fritsch

Einfach, klar, geleitet. Foto: Diana Sicher-Fritsch

Spannende Ergänzungen zum Thema brachte auch Diana Sicher-Fritsch, Expertin für leichtes Leben im MentalSpa-Resort Fritsch am Berg ein. Sie beschreibt das Wesentliche als Kern einer Sache. Als etwas, das gerade jetzt im Moment wichtig für jemanden ist. Das kann natürlich für die Geschäftsführung, für Mitarbeiter:innen und Gäste etwas völlig anderes sein. Auch sie unterstreicht, dass der Weg, der zum Wesentlichen führt, immer über die eigenen Werte führt. Was das Wellness- und Spa-Angebot angeht empfiehlt sie klare, einfache und geleitete Angebote, statt einen Bauchladen an unbegrenzten Möglichkeiten.

Orientierung und Struktur vereinfachen das Leben und beruhigen den erlebnisorientierten Gast, anstatt ihn vom Alltags-Hamsterrad ins Urlaubs-Hamsterrad zu katapultieren. Bei der Angebotskreation ist es wichtig, auf die aktuellen Sorgen und Bedürfnisse der Gäste einzugehen. Die Sorge der andauernden Pandemie mit neuen Virus-Varianten beispielsweise schürt das Bedürfnis nach Schutz und auch Ablenkung. Ein Angebot, dass den Fokus auf das Schöne und Gute richtet, könnte für Gäste in dieser Zeit das Wesentliche bedeuten.

Viele Wege führen zum Wesentlichen – einer davon über Nachhaltigkeit

Nele Winkler verkörpert die junge Management-Generation im HAFFHUS Hotel & Spa und präsentierte den eigenen Weg zum Wesentlichen, der vor allem durch Nachhaltigkeit und Energieautarkie geprägt ist. Ziel des Hauses ist nicht nur, den eigenen Werten entsprechend nachhaltig und ressourcenschonend zu wirtschaften, sondern diese Werte auch für Gäste erlebbar zu machen. Man wird durch den transparenten Umgang mit Energiegewinnung und -einsatz eingeladen, sich selbst mit dem Thema zu beschäftigen und sogar selbstwirksam einen Beitrag zu leisten. Als Gast entscheide ich, ob ich Wellnessbereiche dann nutze, wenn es gerade energieeffizient ist.

Architekt René Pier von schienbein + pier gab den spannenden Impuls, dass wir Gäste von „Wohlstand“ zu „Wohlsein“ überführen müssen. Der Happy Planet Index schaut entsprechend nicht auf den wirtschaftlichen Wohlstand der Menschen, sondern bewertet ihr glückliches und gesundes Leben. Dabei werden auch ökologische Kosten berücksichtigt, die bei der Erreichung des Ziels anfallen – denn nicht alles was das Wohlbefinden fördert, ist auch nachhaltig.

Nachhaltige Entwicklungen mit SDG als Filter. Foto: René Pier/United Nations

Nachhaltige Entwicklungen mit SDG als Filter. Foto: René Pier/United Nations

Mutig, aber auch wirtschaftlich machbar zum Wesentlichen

Wir haben unsere Gäste so erzogen, dass sie 15 Kuchen am Buffet, 5 Beckenlandschaften und 13 Saunen erwarten!

Und wenn sie das nicht vorfinden, haben sie das Gefühl zu wenig zu bekommen oder gar auf etwas zu verzichten. Doch „zurück zum Wesentlichen“ muss nicht immer Rückschritt bedeuten, sondern kann auch für mutiges Vorausdenken und Fortschritt stehen. Wenn ein Wellness- & Spa-Hotel plötzlich auf Reduktion setzt, wird das vermutlich für Stammgäste irritierend sein. Das Umdenken muss nicht nur im Betrieb passieren, sondern auch – und vor allem – bei den Gästen.

Die nachkommende, junge Generation weiß die Reduktion (auch – aber nicht nur – im Sinne der Nachhaltigkeit) mehr zu schätzen als die Generation vor ihr. Diese war und ist stärker geprägt von „man will sich im Urlaub einmal etwas leisten“, „man will sich für die Strapazen des Alltags belohnen“, „man will es sich an nichts fehlen lassen“. Wer mutige Schritte geht, Angebote verändert – vielleicht sogar weglässt – und sich traut entsprechend der eigenen Werte zu fokussieren und dadurch zu reduzieren, der wird vielleicht nicht alle Stammgäste begeistern können, zukünftig aber eine Gästeschicht anziehen, die eine ähnliche Wertebasis hat wie man selbst.

Dieser Weg erfordert aber nicht nur Mut, sondern womöglich (vorerst) auch wirtschaftliche Einbußen, die man sich als Betrieb leisten können muss.

Energie Dashboard im Haffhus schafft Klarheit. Foto: Nele Winkler

Energie Dashboard im Haffhus schafft Klarheit. Foto: Nele Winkler

Schluss mit dem Anspruch, es allen recht machen zu müssen

Wir müssen aufhören, dem Gast alles zu versprechen!

Auch das erfordert Mut und eventuell wirtschaftliche Einbußen. Man muss sich schon trauen, das Wellnesshotel zu sein, das – anders als alle anderen im Umkreis – nur einen Außenpool hat, die tägliche Zimmerreinigung optional anbietet und Gäste dazu einlädt, ressourcenschonend zu handeln. In der Kommunikation gewinnt man, wenn man die vermeintliche Reduktion mit Mehrwert beseelt und für Gäste zum Erlebnis macht.

Weglassen ohne ein Gefühl des Verzichts auszulösen ist äußerst schwierig – es sei denn, man ersetzt das Weggelassene mit einem emotionalen Erlebnis. Wer mutig loslässt, was nicht zu den eigenen Werten und zur eigenen Identität passt, schafft Raum und Zeit für neue, sinnvolle Ideen. Das wird vielleicht nicht allen Gästen gefallen, aber den „richtigen“.

Beherzt loslassen, kreative neue Ideen zulassen

Das sagt sich viel leichter, als es ist! Dennoch ist das Loslassen ein wichtiger Schritt, um sich der eigenen Identität – dem eigenen Wesenskern – wieder anzunähern.

Auch im Focus Meeting entstanden, beflügelt von neuen Impulsen zum Loslassen, viele kreative neue Ansätze, um das Wesentliche zu finden und zu leben. Man könnte beispielsweise den persönlichen Kontakt wieder in den Mittelpunkt stellen. Statt mehr Angebot, bietet man dem Gast mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Mehr Austausch, mehr Interesse für individuelle Bedürfnisse, mehr Begleitung im Erleben vor Ort aber auch darüber hinaus.

Die schönsten (und nachhaltigsten) Erlebnisse sind jene, die bleibende Erinnerungen schaffen und auch Zuhause noch wie ein Anker des Glücks wirken.

Ein kleines Geschenk, das auch noch lange nach der Auszeit im Wellness- und Spa-Hotel an die Erholung und schöne Zeit erinnert, könnte ein Schlüssel sein.

Neuer Luxus: Raum, Zeit und Nähe mit lieben Menschen. Foto: AdobeStock/NesolenayaAleksandra

Neuer Luxus: Raum, Zeit und Nähe mit lieben Menschen. Foto: AdobeStock/NesolenayaAleksandra

Ein schönes Beispiel dafür, eine Gewohnheit durch ein neues, positives Erlebnis zu ersetzen, wurde in Bezug auf die tägliche Zimmerreinigung von Irene Auer, Gastgeberin im Naturhotel Waldklause demonstriert. Der Gast entscheidet sich mit dem Verzicht auf die Reinigung für das Pflanzen eines Baumes in der Region. Rund wird das Erlebnis, wenn Gäste auch die Möglichkeit bekommen „ihre“ Bäume in der Umgebung zu besuchen.

Hier liegen Fokus und Kommunikation eindeutig auf dem was entsteht und nicht auf dem was entgeht!

Die Suche nach dem Wesentlichen führt zu den Mitarbeiter:innen – und umgekehrt!

Ein immer wieder aufkommendes Thema in Bezug auf neue Ideen sind in unterschiedlichster Hinsicht die Mitarbeiter:innen. Wir sprechen unter anderem davon, dass wieder mehr Zeit in Gäste investiert werden soll und stellen damit das Prinzip der Effizienzsteigerung von Miterabeiter:innen in Frage, das viele über Jahre perfektioniert haben.

Dabei täte es sowohl Gästen als auch Mitarbeiter:innen gut, mehr Wert durch mehr Zeit zu schaffen.

Mitarbeiter:innen, die sich aufs Wesentliche fokussieren können, arbeiten nachweislich motivierter und freudvoller. Können wir mit einer fokussierten Ausrichtung unseres Personals nicht auch eine Lücke durch Fachkräftemangel und hohe Fluktuation aufgrund von unattraktiven Arbeitsbedingungen schließen?

Zu diesem Thema diskutieren wir bereits am 28.3.2022 beim nächsten SpaCamp Focus Meeting mit dem Titel „Traum.Job.Spa“. Die Frage, wie man heute gute Spa-Mitarbeiter:innen findet, was diese erwarten und wie man eine langfristige, herzliche Verbundenheit schafft steht wahrscheinlich in direktem Zusammenhang zum Mut, sich auf das Wesentliche zu besinnen.

SpaCamp Focus Meeting 2022 "Traum.Job.Spa". Foto: AdobeStock/ViDi Studio

SpaCamp Focus Meeting 2022 „Traum.Job.Spa“. Foto: AdobeStock/ViDi Studio

Ein anderer kreativer Weg könnte es sein, Mitarbeiter:innen auch privat kennenzulernen und ihnen zu erlauben, ihre persönlichen Kompetenzen und Interessen beruflich einzubringen und auszuleben. Der Servicemitarbeiter, der abends die Gäste mit seiner Geige erfreut oder der Rezeptionist, der morgens mit den Gästen auf Wildkräuterwanderung geht schaffen ganz neue Erlebnisse für Gäste und ganz nebenbei Wertschätzung für und Bindung zu Mitarbeiter:innen.

Die Mutigen kreieren eine Vision für (über-)morgen

Ein sehr neuer und ungewohnter Gedanke ist es, auch in der Wellness- und Spa-Branche das Sharing-Modell anzudenken. Das Potenzial für Regionen wäre enorm, wenn sich jeder Betrieb auf seine authentischen Werte, individuellen Vorzüge und USPs fokussieren könnte, ohne zu glauben, mit dem Angebot der Nachbarschaft mithalten zu müssen. Der Mehrwert für den Gast ist ein insgesamt viel größeres Angebot.

Und die Betreiber würden dem wahllosen Schaffen von immer mehr undifferenzierten Angeboten entkommen. Der Weg dahin ist allerdings ein weiter, da für die meisten das jahrzehntelang erlernte Konkurrenzdenken nicht von heute auf morgen durch die Besinnung auf den eigenen Wesenskern überwunden werden kann. Noch nicht …

Vielen Dank an die Teilnehmer:innen des SpaCamp Focus Meetings für den offenen Austausch und die spannenden Impulse, Anregungen und Ideen!