Longevity im Spa-Hotel ist ein integraler Ansatz

11. März 2026

„Longevity“ ist seit einiger Zeit in aller Munde. Im Kern geht es darum, die gesunde Lebensspanne zu verlängern. Oftmals wird dieser Begriff allerdings im Sinne von Anti-Aging eingesetzt und als Marketing-Begriff für alles Mögliche verwendet. Dabei wäre doch alles ganz einfach – oder? Wir haben uns mit Dr. Ronald Burger unterhalten, was man forcieren und was man meiden sollte, warum wir uns oft so schwertun, unseren Lebensstil gesünder zu gestalten und welche Erkenntnisse seine Longevity-Matrix für das Spa-Hotel mit sich bringt.

Longevity im Spa-Hotel ist ein integraler Ansatz. Foto: New Africa  – stock.adobe.com
Longevity im Spa-Hotel ist ein integraler Ansatz. Foto: New Africa – stock.adobe.com

Wie geht es dir persönliche mit dem Begriff „Longevity“? Was unterscheidet ihn von der klassischen Prävention und warum ist er heute so populär?

Die ersten Jahre habe ich den Namen wegen der Sperrigkeit abgelehnt, sogar gemeint, dass er sich nie durchsetzen wird. Aber, er ist im Gesundheitsbereich bzw. der Hotellerie angekommen. Meine Argumentationskette für Begriff Longevity beginnt damit, dass er den religiösen Wunsch nach Unsterblichkeit bedient. Unsterblichkeit als Vorstellung ist eine sogenannte Universalie. Sie kommt in jeder Kultur vor und entstammt noch nicht einmal dem Verlust des Körpers, sondern dem Verlust der Erinnerungen, Träumen und der damit verbundenen Emotionen – der Seele.

Genau daraus resultiert die utopische Definition: Longevity meint, dass Altern eine Krankheit ist, die es zu heilen gilt, und man somit unsterblich ist (Immortalitätshypothese Def. I). Der Tech-Philosoph Ray Kurzweil meint, dass das möglich sei, weil im Moment ständig neue Dinge in der Medizin entwickelt werden, die das Altern immer mehr rauszögern. Wenn dieser Prozess dazu führt, dass wir alle noch 40 Jahre überleben, ist die künstliche Intelligenz so weit, dass sie eine Methode entwickelt hat, die uns mit Maschinen verknüpft und wir so ewig leben werden.

Ein bisschen realistischer, auch bedingt durch die derzeitigen Entwicklungen in der Medizin und in angrenzenden Disziplinen etc. ist folgende Idee: Longevity meint, dass man sein biologisches Alter so weit als möglich absenkt, um dadurch länger zu leben (Biological-Age-Hypothese, Def. II).

Und die dritte Hypothese ist jene, die postuliert, dass Longevity versucht, den Fakt zu verändern, dass wir im Schnitt die letzten 10 Jahre unseres Lebens gebrechlich sind (Healthspan-Hypothese Def. III). Das bedeutet, dass man annimmt, dass wir zwar nicht länger leben werden, aber nicht so lange auf fremde Hilfe angewiesen sind, bevor der Tod eintritt.

Dr. Ronald Burger beschäftigt sich intensiv mit Longevity. Foto: Dr. Ronald Burger
Dr. Ronald Burger beschäftigt sich intensiv mit Longevity. Foto: Dr. Ronald Burger

Ich vertrete grundsätzlich alle drei Hypothesen. D.h. ich beobachte wie die Entwicklungen im ersten Bereich stehen, da dies definitiv auch spirituelle und philosophische Bereiche betrifft. Ich sehe reale Vorstellungen und Umsetzungen im Definitionsbereich II. Dort ist alles zu finden, was im Moment umgesetzt werden kann – zum einen Dinge die kostengünstig oder „umsonst“ sind, und zum anderen Infusionen, blutreinigende Therapien, Sauerstoff- und Kältetherapien oder Aufenthalte in Hotels und Kliniken, die mit ganzheitlichen Therapien sichtbare Erfolge erzielen.

Die dritte Definition ist die vorsichtigste Formulierung. Methoden und Mittel sind identisch mit jenen in Definition II aber es wird das Problem Mensch als psycho-soziales Wesen implizit vermutet. Ja wir wissen was gesund macht, aber halten wir das so lange durch bis wir es benötigen?

Und das ist der Schlüssel in der Abgrenzung zu allen anderen Begriffen, mit denen wir die letzten Jahrzehnte hantiert haben. Fitness, Wellness, Prävention, bzw. präventiv Arbeiten, Biohacking, Fitness, VO2max ist im Jetzt verankert. Longevity bezieht sich aber auf die „Crunchtime“ des Lebens und sogar auf die Unendlichkeit. Das macht den spirituellen/religiösen Part in der Deutung aus. In einer Simplifizierung haben wir mit Longevity die Möglichkeit, Gesundheitshandeln in ein handhabbares, verstehbares und sinnerfülltes Leben zu transformieren.

Was ist deiner Meinung nach wirklich wichtig, wenn ich gesund alt werden möchte? Was sollte ich forcieren und was meiden?

Das ist recht einfach. Wenn man die Möglichkeiten betrachtet, mit denen wir gesund älter werden möchten, sind nur drei evidenzbasiert:

  • besserer und längerer Schlaf
  • mediterrane Ernährung oder Scheinfasten nach Longo (alle anderen guten Fasten funktionieren auch, scheitern aber am Evidenzkriterium)
  • Bewegen/Sport

Nicht evidenzbasiert, aber kausal wirksam sind die vier Grundsubstitutionen für die Muskelresynthese (Omega 3, Vit D3 + K2, Aminossäuren, Kreatin) und bei konkreten Defiziten andere Substitutionen (Bluthochdruck: Glycin, rote Beete etc.). Aber bitte nicht auf die Werbung reinfallen, denn keine Substitution allein ist der Heilsbringer.

Ein weiterer großer Bereich der Korrelationen zu längerem Leben aufweist, ist der Einsatz von Technologie. Vor allem dann, wenn der Körper nicht mehr optimal funktioniert (Verletzungen, Alter, kein Bewegen, Stoffwechselerkrankungen). Infusionen, Cryochamber, Sauerstofftherapien (HBOT), Sauna und Lymphstimulation sind Anwendungen, die ihre Wirkung direkt zeigen und so den Körper wieder auf Maßnahmen vorbereiten, die dann wirken können.

Ärgerlich finde ich gerade die Tendenz, ein bestehendes Angebot mit dem Zusatz „Longevity“ zu ergänzen, um über Marketing/Werbung auf den Zug zu springen. Das wird über die Dauer dem Markt schaden.

Ronald Burger beim vergangenen SpaCamp. Foto: SpaCamp/Lukas Geu
Ronald Burger beim vergangenen SpaCamp. Foto: SpaCamp/Lukas Geu

Obwohl heute eigentlich alle wissen, was gesund ist, tun sich viele so schwer, dieses Wissen tatsächlich in ihren Lebensstil zu integrieren. Warum ist das so? Und was würde helfen?

Sehr gute Frage! Gesundheit bzw. Dinge, die man dafür machen kann, kämpfen in einem normalen Leben gegen Müdigkeit, Zeit, soziale Verpflichtungen, Geld, mangelnde Motivation bzw. höhere Motivation von anderen Dingen. Vieles kann einen hindern gesund zu leben.

Das bedeutet, man muss das Ziel, das man sich bewusst setzt – hier Gesundheit – mit intrinsischer Motivation angehen, die stärker ist als extrinsische Motive oder Hindernisse. Zu Beginn steht ein Bedürfnis, das ist unbewusst und in der Regel positiv besetzt. Dieses Bedürfnis kann getriggert werden durch Musik, Vorstellungen von Landschaften etc. die alle dazu führen, dass ein angenehmes Lächeln entsteht (somatische Marker). Dieses Bedürfnis kann an ganz viele kleine Anker im Unbewussten gebunden sei; die Vorstellung von Natur, Farben, Düfte, also alles, was unsere Sinne berührt. Damit aber daraus ein Motiv entsteht, muss es bewusstwerden – es muss ausgesprochen werden – und das nicht einmal, sondern oft. Das funktioniert am besten immer außerhalb der normalen Umgebung. Und schon sind wir in einem Hotel, in einer schönen Landschaft, die Düfte, Farben, Geborgen- und Vertrautheit beinhaltet.

Im nächsten Schritt müssen die beschreibenden Merkmale der Situation wiederholt und mit all jenen Dingen verknüpft werden, die Gesundheit versprechen (Pawlowsche Konditionierung). Am besten sollten das Dinge sein, die direkt funktionieren. Das ist wichtig! Wenn ich ein Treatment anbiete, welches noch nicht einmal die Gefühlsebene erreicht, verpufft das ganze wieder. Und wenn das Gefühl nicht ausreicht, dann sollte mit einem klaren Aufzeigen der Effekte nachgeholfen werden: Z.B. Sauna und nach ca. 10 Min. eine Blutdruckmessung oder ein Schlaftracker zum Anzeigen des besseren Schlafes durch Sauna Nutzung.

Wenn dies in einem 3-7 tägigen Aufenthalts erlernt wird, muss nur noch der Übergang in das normale Leben gelingen. Ob das das neue Kissen ist, das Breath Workout mit der Hotel-App oder ein regelmäßiger Erinnerungspost nach Hause.

Wie eingangs erwähnt, hast du eine spannende Longevity-Matrix entwickelt. Kannst du die Kernelemente einfach erklären und wie gelingt die Balance?

Das Wichtigste vorab: Es wird keine Balance im Sinne von Gleichgewicht angestrebt, sondern, wie im richtigen Leben auch, ein bewusstes Schwanken oder Wippen. Das erlaubt eine größere Ausgerichtetheit auf das Ziel hin. Wenn beispielsweise junge und alte Menschen bei Gleichgewichtstests auf einer sensiblen Kraftmessplatte stehen, sieht man, dass junge Menschen ein leichtes Schwanken um den Mittelpunkt zeigen. Ältere hingegen bleiben relativ starr stehen. Wenn nun eine Störung kommt, fallen die Älteren schneller um. Bei Schützen auf Olympianiveau sieht man, dass ihre Ausrichtung auf das Ziel, eine Acht, einen Kreis oder eine Schleife beschreibt. Das Ganze ist das Produkt von Frequenz, Atmung, Herzschlag und Größe bzw. Gewicht.

Longevity-Matrix von Dr. Ronald Burger. Foto: Dr. Ronald Burger
Longevity-Matrix von Dr. Ronald Burger. Foto: Dr. Ronald Burger

In meiner Matrix sind nun in der unteren Hälfte des Kreises Dinge die wir tun müssen: Essen, Schlafen und Atmen. Und mittlerweile wissen wir, dass das nicht-Essen, das Fasten in bestimmten Momenten besser ist als „gesund“-Essen. Oder, dass die Atmung sich verbessert, wenn wir Variationen im Atmen (langsamer und schneller) bzw. vor allem Atempausen einbauen. Das zeigt sich im Leistungssport und bei Einzelfällen, wie bei Wim Hoff, der das autonome Nervensystem beeinflussen kann.

Der wichtigste Gegenspieler des Schlafes ist die natürliche Form von Stress, also der Belastung. Erfahren wir natürlichen Stress, heutzutage durch Sport, funktioniert die Stressachse normal. Wir werden nach der Reizsetzung, der Auslösung der Stressachse und der folgenden ausgiebigen Bewegung (Flucht oder Kampf) müde, es folgt die kurze Kreativitätsphase, der Hunger und im Abschluss der tiefe gute Schlaf.

Also besteht jede einzelne Wippe aus zwei Gegensätzen. Wir können gut, gesund und vernünftig Essen, aber es gehört auch das Fasten dazu. Guter Schlaf wird durch ausreichend Bewegung, auch in hohen Intensitäten, gefördert. In der oberen Hälfte ist die Wippe Kälte und Wärme. Das ist besonders in unseren Breitengraden wichtig. Durch den Leitspruch: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, haben wir die 20°C Wohlfühlarea in jeder Situation unseres Lebens. Wir haben aber Mechanismen in unserem Körper die essenziell sind. Beispielsweise wird der Temperaturstoffwechsel und der damit verbundene Fettstoffwechsel durch braunes Fett reguliert. Durch Alter, und nicht-Gebrauch schwindet das braune Fett und uns fehlt das Hormon, welches im braunen Fett produziert wird und notwendig ist.

Im ersten Schritt haben wir also vier Wippen, die alle bespielt werden müssen, damit Gesundheit entstehen kann. Longevity baut nun darauf, dass alle Zustände bedient werden: Gesundes, gutes Essen und Fasten. Stress, Bewegen, Kraftverbrauch und Regeneration, Entspannung, Schlaf. Dann kommen die Außenbereiche. Auch hier haben wir das Glück, dass wir in unseren Breitengraden Tag und Nacht in hoher Eindeutigkeit haben. Jede Zelle unseres Körpers hat eine Uhr, die auf die Tag-Nacht-Unterschiede reagieren. Essen, Schlafen, Hunger, nicht-Hunger und auch Abnehmen etc., reagieren darauf.

Muskel/Faszien/Lymphe sind ein funktionales Gewebe. Wenn hier altersbedingter Muskelschwund herrscht (Sarkopenie), funktionieren die beiden anderen Bereiche nicht mehr richtig. Lymphe, die 90% aller Stoffwechselprodukte transportieren, befinden sich in den Faszien. Ein Hinweis auf trockene Haut oder verklebte Faszien, weist immer auf eine nicht-funktionelle Muskulatur hin. Durch die Entdeckung der Myokine vor ca. 20-25 Jahren ist der Muskel als Produzent von entzündungsreduzierenden Botenstoffen endlich in den Mittelpunkt der Gesundheitsfürsorge und aus der Kraftsportecke rausgerückt. Mit einem Gesamtkörperanteil von mind. 40% (Frauen, die wenig Sport treiben), bis zu 80% (bei kraftsportbetonten Männern) ist auch einleuchtend, dass er das Stoffwechselorgan darstellt. Venen und Arterien transportieren das Blut und somit den Sauerstoff. Minderdurchblutete Bereiche des Körpers verkümmern – ob das Gelenke sind (Arthrose) oder Muskulatur (Sarkopenie) ist dann fast egal.

Krafttraining als Teil der Gesundheitsfürsorge. Foto: Dr. Ronald Burger
Krafttraining als Teil der Gesundheitsfürsorge. Foto: Dr. Ronald Burger

Mit stoffwechselfördernden Maßnahmen kann dem entgegengewirkt werden. Hier wären neben Sport, vor allem die von mir entwickelte Gymnastik INKOBE∞, die Magnesium-Sauerstoff-Therapie oder HBOT (milde hyperbare Sauerstofftherapie) eine effektive Intervention.

Viele Spa-Hotels liebäugeln im Moment mit Longevity-Angeboten. Auf was sollten die Betriebe achten und wie könnten sie deine Matrix integrieren, um authentische, zum Hotel passende Angebote zu schaffen?

Meine Matrix ist ein integratives Modell. Alle vier Bereiche sind relevant. Man kann keinen Part weglassen. Longevity betreibt man, wenn man alle Bereiche gleichermaßen befüllt. Gleichzeitig ist jeder Bereich durch das wechselseitige Prinzip vorgegeben. Nehmen wir wieder das Paar Ernähren/Fasten. Wenn man bspw. das Frühstück, welches nicht aus kurzkettigen Kohlenhydraten bestehen sollte, später anbietet, hat man die natürliche Fastenzeit bis zum Breakfast verlängert. Dass Sauna-Anwendungen dazu gehören, ist selbstverständlich. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich bis zu fünf Tage hintereinander, signifikante Zuwächse in der Gesundheit zeigen. Wenn diese Anwendung mit kalten Fußbädern kombiniert wird, trägt es zur Vervollständigung der Wippe bei. Wenn diese Kombination am Abend angewendet wird, funktioniert auch das Einschlafen besser.

Es geht also darum, dass innerhalb eines Longevity-Angebots alle Dimensionen durchgeführt werden und diese auch in einen theoretischen Überbau integriert werden. D.h., dass der Gast über Vorträge und andere Möglichkeiten informiert und eingebunden wird, warum er die Treatments in der dargebotenen Form angeboten bekommt.

Das High-End-Spa, setzt dann bspw. auf eine Cryochamber, einen Arzt, der eine Infusion darbietet, etc. Zu Beginn reichen aber auch Treatments, die man im Hotel schon installiert hat. Aber nochmal, nicht einzelne Treatments, denn Longevity ist eine integrale Gesamtheit, die alle Parts mit allen Wechselprinzipien nutzt – sonst wäre es Anti-Aging oder eben einfach Sauna. Longevity ersetzt nicht die Treatments, die man schon im Hotel hat, sondern kleidet diese in einen integralen Ansatz.

Herzlichen Dank, lieber Dr. Ronald Burger für deine fundierten, ausführlichen Erklärungen, um die Thematik von Longevity im Spa-Hotel besser verstehen zu können. Vielen Dank, dass du hier als Consultant gerne für weitere Fragen zur Verfügung stehst.