Warum manche Hotels in Erinnerung bleiben und andere austauschbar wirken
15. September 2026
Die Antwort liegt erstaunlicherweise nur selten in der Ausstattung. Leider nicht allein im Infinity Pool. Nicht im Spa-Menü. Und auch nicht in der Anzahl der Saunen. Und auch nicht in einem perfekt gestalteten Instagram-Feed. Denn die Ausstattung vieler Hotels war noch nie so hochwertig wie heute. Moderne Spa-Landschaften, regionale Kulinarik, hochwertige Zimmer und professionelle Bildwelten gehören inzwischen zum Standard. Gleichzeitig fällt es Gästen jedoch zunehmend schwerer, Unterschiede zwischen den einzelnen Häusern zu erkennen. Dennoch bleiben manche Hotels in Erinnerung, während andere austauschbar wirken.
Wellnessbereich Hotel Gridlon. Foto: Light & Day – Lisa Rettenbacher
Was macht ein Hotel zu einem Ort, von dem Menschen träumen?
Oft liegt der Unterschied nicht in dem, was ein Hotel anbietet, sondern in dem Bedürfnis, das es erfüllt. In der Hotellerie wird seit Jahren über Positionierung, Markenbildung und Hotelkonzepte gesprochen. Doch aus Sicht der Gäste spielen diese Begriffe zunächst keine Rolle. Gäste buchen keine Positionierung. Sie buchen keine Markenwerte und keine Strategie. Sie buchen die Vorstellung eines Aufenthalts. Die Vorstellung von Ruhe. Von Inspiration. Von Abenteuer. Oder von persönlicher Entwicklung.
Die vielleicht spannendere Frage lautet deshalb nicht: „Wer ist unser Gast?” Sondern: Wonach sehnt sich unser Gast? Denn zwei Menschen im gleichen Alter mit ähnlichem Einkommen und nahezu identischem Reiseverhalten können völlig unterschiedliche Erwartungen an ihren Aufenthalt haben. Während die eine Person Rückzug sucht, möchte die andere neue Impulse sammeln. Während manche Gäste Vertrautheit und Geborgenheit schätzen, suchen andere bewusst nach Neuem und Unbekanntem. Die Destination bestimmt das Reiseziel, doch das Hotel entscheidet oft darüber, wie die Reise erlebt wird.
Die Sehnsucht der Gäste verstehen
In vielen Positionierungsprozessen stehen Zielgruppen, Wettbewerbsanalysen und Ausstattungsmerkmale im Mittelpunkt. Zwar liefern sie wichtige Informationen, beantworten jedoch nur bedingt die Frage, warum sich ein Gast für ein bestimmtes Hotel entscheidet. Aus dieser Beobachtung heraus entstand die DreamAways-Stilistik. Sie betrachtet Hotels nicht über ihre Ausstattung, sondern über die Sehnsüchte ihrer Gäste. Grundlage bilden zwei Spannungsfelder: Rückzug oder Entfaltung sowie Vertrautheit oder Neugier. Die erste Achse beschreibt die gewünschte Veränderung während des Aufenthalts. Möchte der Gast loslassen, entschleunigen und regenerieren? Oder sucht er Entwicklung, Wachstum und neue Perspektiven? Die zweite Achse beschreibt die Art des Erlebens. Sucht der Gast Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit? Oder reizt ihn eher das Entdecken, der Perspektivwechsel und neue Erfahrungen?
Wellnessbereich Hotel Gridlon. Foto: Light & Day – Lisa Rettenbacher
Aus diesen beiden Dimensionen entstehen vier typische Sehnsuchtsräume:
Oase: Hier stehen Ruhe, Geborgenheit, Entschleunigung und Sicherheit im Mittelpunkt. Der Gast sucht einen Gegenpol zu seinem oft reizintensiven Alltag. Häuser mit Silent-Spa-Angeboten, Adults-only-Konzepte oder ein starker Fokus auf Regeneration und Rückzug finden sich häufig in diesem Bereich.
Inspiration: Achtsamkeit, Kreativität, Perspektivenwechsel und neue Gedanken prägen diesen Bereich. Gäste suchen hier weniger klassische Erholung, sondern vielmehr Raum für Reflexion, neue Sichtweisen und frische Impulse. Retreats, Workshops oder inspirierende Natur- und Spa-Erlebnisse kommen diesem Bedürfnis entgegen.
Abenteuer: Hier stehen Aktivität, Performance, Sport und Erlebnis im Vordergrund. Der Gast möchte entdecken, erleben und Energie tanken. Bergsporthotels, Aktivresorts oder Häuser mit einem starken Fokus auf Bewegung und Erlebniswelten bewegen sich häufig in diesem Spannungsfeld.
Entwicklung: Persönliches Wachstum, Prävention, Coaching und nachhaltige Veränderung prägen diesen Bereich. Gäste möchten neue Gewohnheiten etablieren, ihre Gesundheit stärken oder bewusst an ihrer Lebensqualität arbeiten. Viele Longevity-, Medical-Wellness- und Gesundheitskonzepte lassen sich hier verorten.
Die Gefahr liegt in der Mitte
Selbstverständlich lässt sich kaum ein Hotel ausschließlich einem dieser Bereiche zuordnen. Die meisten Häuser bewegen sich zwischen mehreren Feldern. Genau darin liegt jedoch eine der größten Herausforderungen moderner Hotelkonzepte. Viele Hotels möchten Rückzugsort, Inspirationsquelle, Aktivhotel und Gesundheitskompetenzzentrum sein. Sie möchten möglichst viele Bedürfnisse bedienen und möglichst wenige Gäste ausschließen. Die Folge ist häufig ein breites Angebot, aber kein klares Profil. Je näher ein Hotel in die Mitte rückt, desto größer wird die Gefahr der Austauschbarkeit. Die Mitte wirkt zunächst komfortabel. Schließlich bietet sie von allem etwas. Doch genau dort wird es für Gäste oft schwierig, zu erkennen, wofür ein Haus eigentlich steht. Die erfolgreichsten Hotels verfolgen deshalb einen anderen Ansatz. Sie entscheiden sich bewusst für eine bestimmte Sehnsucht und richten ihr gesamtes Erlebnisangebot darauf aus. Das bedeutet nicht, andere Bedürfnisse auszuschließen. Es bedeutet vielmehr, einen klaren Schwerpunkt zu setzen.
DreamAways Hotelstilistik. Foto: DreamAways
Was bedeutet das für den Spa-Bereich?
Gerade im Wellnessbereich wird die Positionierung häufig noch immer über die Infrastruktur definiert. Wie groß ist der Spa? Wie viele Saunen gibt es? Welche Behandlungen werden angeboten? All das ist wichtig. Die manchmal spannendere Frage lautet jedoch: Welche Rolle spielt der Spa innerhalb der Sehnsüchte der Gäste? Ist er eine Oase? Ein Ort der Inspiration? Ein Raum für Entwicklung? Oder ist er Teil eines aktiven Abenteuerkonzepts? Erst wenn diese Rolle klar definiert ist, entstehen Angebote, Rituale, Räume und Erlebnisse, die sich glaubwürdig in das Gesamtkonzept des Hauses einfügen. Dann wird aus einem Spa mehr als nur eine Ausstattungskomponente. Es wird zum Ausdruck der Identität eines Hotels.
Die Herausforderung besteht nicht darin, immer neue Angebote zu schaffen, sondern bestehende Angebote zu einem stimmigen Gesamterlebnis zu verbinden. Gäste suchen nicht zwingend mehr Leistungen. Sie suchen Orientierung. Sie möchten verstehen, wofür ein Hotel steht und welches Bedürfnis es besonders gut erfüllt. Die Stärke eines Hotelkonzepts liegt deshalb nicht in der Anzahl seiner Leistungen, sondern in der Konsequenz, mit der alle Berührungspunkte auf eine gemeinsame Idee einzahlen. Gerade im Spa- und Wellnessbereich wird dieser Zusammenhang besonders deutlich. Infrastruktur kann Erwartungen erfüllen. Begehrlichkeit entsteht jedoch erst, wenn ein Hotel die Sehnsucht seiner Gäste klar erkennt und konsequent in Räume, Angebote, Rituale und Kommunikation übersetzt. Langfristig werden vor allem jene Hotels erfolgreich sein, die nicht versuchen, für alle alles zu sein, sondern sich bewusst dafür entscheiden, wofür sie stehen. Denn genau dort entsteht Profil. Und genau dort beginnt der Unterschied zwischen einem guten Hotel und einem Hotel, das in Erinnerung bleibt.
Autorin des Fachbeitrags: Teresa De Martino, Gründerin und Geschäftsführerin von DreamAways. Foto: Linda Gschwentner Fotografie
Praxis-Tipp: Die Stilistik auf Instagram sichtbar machen
Viele Hotels kommunizieren auf Social Media vor allem ihre Infrastruktur. Pools, Zimmer oder das Frühstücksbuffet dominieren die Bildwelt. Für die Positionierung ist jedoch oft eine andere Frage hilfreicher: Welchen Sehnsuchtsraum zeigt dieser Beitrag? Ein Bild kann beispielsweise für Ruhe, Inspiration, Abenteuer oder Entwicklung stehen. Je konsequenter sich diese Schwerpunkte in Bildsprache, Texten und Geschichten wiederfinden, desto klarer wird das Profil eines Hotels. Ein einfaches Gedankenexperiment: Würden Außenstehende anhand der letzten neun Instagram-Posts erkennen, ob das Hotel eher für Oase, Inspiration, Abenteuer oder Entwicklung steht? Oder könnte derselbe Feed auch zu vielen anderen Hotels passen? Je eindeutiger die Antwort ausfällt, desto stärker zahlt die Kommunikation auf die Positionierung ein.
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