Mit gelebter Wertschätzung mehr erreichen

Dr. Petra Herz leitet seit 8 Jahren die Spa-Abteilung im Merkur Health Bad Tatzmannsdorf. Im Rahmen des SpaCamp 2022 an der Nordsee hat die engagierte Spa-Direktorin eine vielbeachtete Diskussionsrunde zum Thema „Mitarbeiter:innen-Management – Lust oder Frust?“ gehalten. Wir haben uns mit ihr über Arbeitszeitmodelle, Führung und Wertschätzung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmer:innen sowie Ideen zur Mitarbeiter-Gewinnung im Spa unterhalten.

Wertschätzung im Spa-Team spürt auch der Gast. Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller
Wertschätzung im Spa-Team spürt auch der Gast. Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller

Liebe Petra, zur Merkur Health Gruppe zählen insgesamt sechs Standorte in Österreich, an denen medizinische und therapeutische Leistungen im 4- und 5-Sterne-Hotelsegment angeboten werden. Was muss ein Medical-Spa heute können?

Bei einem Medical-Spa handelt es sich um eine Abteilung, welche unter ärztlicher Aufsicht Behandlungen bzw. Therapien für bestimmte Krankheitsbilder anbietet. Der Fokus liegt hier im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention. Ein modernes Medical Spa muss darüber hinaus fit genug sein, um die Gesundheitskompetenz der Gäste (Patienten) zu stärken. Dies setzt natürlich voraus, dass Mitarbeiter:innen eines Medical Spas dementsprechend geschult sind und die notwendigen Qualifikationen, Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen. Was aus meiner Sicht immer wichtiger wird, ist das „empathische Arbeiten“. Gäste erwarten, neben hoher fachlicher Kompetenz, gute und vor allem vertrauensvoller Zusammenarbeit.

Fachliche Kompetenz und vertrauensvoller Zusammenarbeit: Foto: Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller
Fachliche Kompetenz und vertrauensvoller Zusammenarbeit: Foto: Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller

In deiner Session beim SpaCamp hast du folgende provokante Eingangsfrage gestellt: „Wer dient eigentlich wem?“ Ist deiner Meinung das Verhältnis zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen heute aus dem Gleichgewicht geraten und wie gelingt Wertschätzung auf beiden Seiten?

Für mich ist es derzeit nicht unbedingt aus dem Gleichgewicht, jedoch deutlich schwieriger und fordernder. Ich orte hier eine gewisse Dynamik, mit der wir Führungskräfte teilweise oft nicht bzw. nicht richtig umgehen können. Ich stelle mir immer öfter selber die Frage, war das Verhältnis früher im Gleichgewicht? Ändert sich das Verhältnis zu den Mitarbeiter:innen aufgrund der vielen Krisen von außen oder ist es nur längst an der Zeit, im Bereich Führung Anpassungen vorzunehmen?

„Reibung erzeugt ja bekanntlich Energie – die sollte nun gut genützt werden!“

Dr. Petra Herz

Dort, wo man sich gerne aufhält, dort, wo man sich wohl fühlt und dort, wo der Wert des Einzelnen erkannt und gesehen wird, gelingt Wertschätzung. Auch hier kann ich sagen, Wertschätzung ist keine Einbahnstraße, sondern etwas Gelebtes und vor allem Erlebbares, Spürbares. Meiner Erfahrung nach gelingt Wertschätzung, wenn Mitarbeiter:innen MITarbeiten, wenn man ihnen Raum gibt, damit sie sich einbringen können, wenn sie für das Unternehmen auch wirklich wichtig sind, Verantwortung übernehmen dürfen und wenn eine gute Gesprächs- und Fehlerkultur herrscht. Dann erzeugt Wertschätzung und somit ein angenehmes Arbeitsklima auch die notwendige Wertschöpfung!

Petra Herz bei ihrer SpaCamp-Session. Foto: SpaCamp/Jasmin Walter
Petra Herz bei ihrer SpaCamp-Session. Foto: SpaCamp/Jasmin Walter

Es wird immer wieder darüber gesprochen, dass die junge Generation nur noch 4 Tage und auch gar nicht mehr 40 Stunden pro Woche arbeiten möchte. Wie können neue Arbeitszeitmodelle funktionieren und auf was legt diese Generation im Spa sonst noch Wert? Wo ist für dich als Führungskraft Schluss mit lustig, um es provokant auszudrücken?

Ich denke nicht, dass die junge Generation generell weniger arbeiten möchte. Ich denke, dass die jungen Menschen anders arbeiten wollen, flexibler sein möchten, gut bezahlt sowie Sinn in ihren Tätigkeiten, in ihrem Leben suchen und finden möchten. Die Aufgabe für uns Führungskräfte muss sein, die Motivationen der jungen Generation herauszufinden, zu verstehen und Angebote in diese Richtung aussprechen. Klar, für mich als Generation X stellt das eine gewisse Herausforderung dar. Ich wurde anders geprägt, habe andere Werte und auch ein teilweise komplett anderes Verständnis zur Arbeit an sich – hier prallen meiner Meinung nach gerade zwei Welten aufeinander.

Wo früher das Team, die Kolleg:innen oft eine Art zweite Familie wurden, ist dies für die junge Generation oft nicht mehr so wichtig. Unter dem Motto: ich gehe arbeiten, erledige meine Arbeit, dann genieße ich meine Freizeit mit meinen Freunden. Aus meiner Sicht wird klarer getrennt: Arbeit oder Freizeit.

„Neue bzw. adaptierte Arbeitszeitmodelle können meiner Meinung nach nur dann funktionieren, wenn wir keine Generation verlieren. Das macht neue Arbeitszeitmodelle auch schwierig.“

Petra Herz

Sollen oder müssen Modelle individueller werden? Sollen oder müssen wir uns nach den Bedürfnissen der Mitarbeiter:innen richten, um Dienstleistungen überhaupt erbringen zu können? Sind die Wünsche und Bedürfnisse unserer Gäste nicht genauso wichtig, auch um wirtschaftlich bestehen zu können? Hier suche ich für mich ebenso noch nach Antworten.

Von neuen Arbeitszeitmodellen müssen alle Generationen profitieren. Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller
Von neuen Arbeitszeitmodellen müssen alle Generationen profitieren. Foto: Merkur Lifestyle/Jenny Koller

Schluss mit Lustig? ich habe mir derzeit vorgenommen, prinzipiell offen zu bleiben. Offen für Ideen – auch wenn diese vorerst nicht umsetzbar klingen. Offen für Veränderungen und für Herausforderungen. Für mich ist jedoch wirklich Schluss, wenn eine persönliche rote Linie überschritten wird, wenn es keine gelebte Wertschätzung gibt und wenn kein Geben und Nehmen besteht. Denn dann ist es nicht mehr lustig – für beide Seiten. Dies war für mich jedoch schon immer so und hat jetzt nicht unbedingt etwas mit der derzeitigen schwierigen Situation zu tun.

Weniger Stunden pro Mitarbeiter:in bedeutet insgesamt einen höheren Bedarf an Mitarbeiter:innen. Können Quereinsteiger:innen eine Lösung sein? Und wie kann man Menschen aus anderen Ländern begeistern, zu uns zu kommen? Was ist hier möglich und welche Ausbildung wird hier benötigt?

Ganz ehrlich, aufgrund der derzeit für Alle angespannte wirtschaftliche Situation kann ich mir persönlich nicht vorstellen, dass eine 4-Tage-Woche in nächster Zeit eine Lösung sein kann. Ich denke hier eher daran, neue Arbeitswelten für Mitarbeiter:innen zu schaffen. Flexibler und individueller für beide Seiten. Seit Juni haben wir eine Arbeitsgruppe „Neue Arbeitswelt“ eingerichtet. Gemeinsam als Team, engagierten Mitarbeiter:innen und Führungskräften arbeiten wir hier zusammen an möglichen Lösungen.

Quereinsteiger:innen haben sicherlich ein hohes Potential. Diese Möglichkeiten haben wir bis dato sicherlich zu wenig wahrgenommen bzw. mit zu wenig Nachdruck angegangen. Hier gibt es eine Palette an Möglichkeiten. Ich denke hier an Angebote für ältere Berufsumsteiger, für Langzeitarbeitslose Einsteiger, Lehrbetriebe/Lehrlingsausbildung und an Flüchtlinge z.B. aus der Ukraine. Oder vielleicht wollen pensionierte Kolleg:innen einmal wöchentlich das Spa-Team unterstützen?

In einem Medical Spa in Österreich arbeiten u.a. gesetzlich geregelte Gesundheitsberufe wie Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Sportwissenschafter:innen, Medizinische Masseure:innen und Heilmasseur:innen. Hier gibt es klare Vorgaben und Regulierungen Seitens des Bundesministeriums für Gesundheit im Hinblick der Nostrifikationen, der Anerkennungen von Ausbildungen aus dem Ausland. Vielleicht wäre es – in der EU – eine Möglichkeit, die Ausbildungssysteme zu vereinheitlichen? Analog zu den ECTS-Punkten im europäischen Hochschulbereich. Im Hinblick der Masseurausbildung ist es für mich auch nicht nachvollziehbar, warum die Berufsgruppe der Masseure ihre Ausbildung privat bezahlten muss. Diese Ausbildungskosten, rund 5.000 €  bis 7.000 € werden sich immer weniger Menschen leisten können.

Ein Job im Spa ist ja „eigentlich“ eine tolle Sache. Er stiftet Sinn und man profitiert mit Wissen für die eigene Gesundheit. Wo müsste man als Spa-Branche ansetzen, um diesen Beruf (wieder) so richtig anziehend zu machen?

Arbeit soll meiner Meinung nach vor allem planbar sein und, Arbeit soll auch Spaß machen. Wenn ich heute als Mitarbeiter:in nicht weiß, ob ich morgen arbeiten kommen muss, ob ich nach drei Wochenenddiensten noch ein weiteres Wochenende arbeiten soll, ob ich in Urlaub oder Zeitausgleich gehen kann, dann macht das keinen Spaß.

Weiters gehört für mich die betriebliche Gesundheitsförderung unbedingt dazu. Wie sollen Mitarbeiter:innen die Gesundheitskompetenz der Gäste erhöhen, wenn sie selber nicht diese Förderung erleben?

Betriebliche Gesundheitsförderung als wichtiger Baustein. Foto: Petra Herz
Betriebliche Gesundheitsförderung als wichtiger Baustein. Foto: Petra Herz

Ein Spa ist ein wunderschöner Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor. Vielleicht sollten wir einen Wertschätzungssektor daraus machen und nicht mehr das Dienen im Fokus haben? Denn Gäste, Patienten, Kolleg:innen und Führungskräfte geben und erhalten Schätze, die für den Einzelnen unendlich viel wert sind.

Vielen Dank, liebe Petra für deine Zeit und die vielen anregenden Gedanken für eine neue Kultur der Wertschätzung! Hier geht’s zur Website der Merkur Lifestyle Gruppe.


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