Von Wellness-Angeboten zur Health-Kompetenz: Was Hotels aus Schlaf, Ernährung und mentaler Erholung machen können

11. August 2026

Gesundheit, Wohlbefinden und Longevity werden in der Hotellerie zunehmend als Zukunftsthemen gesehen. Doch zwischen der strategischen Bedeutung eines Themas und seiner konsequenten Umsetzung im Hotelalltag liegt oft ein weiter Weg. Das zeigt die SCC Hospitality Health Development Survey 2026, die von der Carinthia University of Applied Sciences in Kooperation mit dem Spa Competence Circle durchgeführt wurde. Sie fragt nicht, ob ein Hotel „Longevity anbietet“ oder einzelne Health-Produkte im Programm hat. Im Mittelpunkt steht vielmehr, wie systematisch, integriert und glaubwürdig gesundheitsbezogene Angebote und Rahmenbedingungen im Betrieb verankert sind.

Schlaf als wichtiger Faktor für Hotels. Foto: Chinnapong – stock.adobe.com
Schlaf als wichtiger Faktor für Hotels. Foto: Chinnapong – stock.adobe.com

Viele Hotels haben gesundheitsrelevante Bausteine

Die Ergebnisse beruhen auf Selbsteinschätzungen der Betriebe. Sie sind daher nicht als repräsentativer Branchendurchschnitt zu verstehen, sondern als aussagekräftiges Stimmungsbild aus einem gesundheitsnahen, stark von Ferien-, Wellness- und Spa-Hotellerie geprägten Markt. Die Datenbasis umfasst 147 gespeicherte Datensätze, bis zu 109 Antworten bei Profil- und Einzelfragen sowie 73 vollständig abgeschlossene Fragebögen für die Reifegradanalyse.

Ein zentrales Bild zeigt sich deutlich: Viele Hotels schätzen Gesundheit und Wohlbefinden bereits als wichtiges Zukunftsfeld ein. Besonders stark werden gut erlebbare Aufenthaltsbedingungen bewertet, wie etwa regenerative Räume, Naturerleben, Bewegung und ausgewogene Ernährung. Schwächer ausgeprägt sind dagegen Themen wie individuelle Empfehlungen, Vorsorge und Beratung, Feedback, fachliches Know-how, klare Einordnung oder die Verbindung entlang der Guest Journey. Kurz gesagt: Viele Hotels haben gesundheitsrelevante Bausteine. Die eigentliche Entwicklungsfrage liegt aber darin, ob daraus ein stimmiges System für das jeweilige Haus wird.

Reifegradmodell zur Visualisierung der Health-Kompetenz

Um diesen Unterschied greifbarer zu machen, wurde eine Reifegradlogik entwickelt. Sie bewertet nicht die Anzahl einzelner Angebote, sondern das Zusammenspiel von Angebot, Atmosphäre, Organisation, Mitarbeitenden, Kommunikation, Guest Journey und Alltagstransfer.

1 – Klassisch / wellnessorientiert: Gesundheit wird vor allem als Spa, Erholung und Wohlfühlen verstanden. Einzelne Angebote sind vorhanden, stehen aber eher nebeneinander.

2 Integriert / gesundheitsorientiert: Mehrere Themen wie Ernährung, Bewegung, Schlaf, Natur oder mentale Erholung werden bewusst gestaltet. Die Verbindung bleibt aber oft angebotsbezogen.

3 – Systemisch / longevity-fähig: Das Hotel versteht sich stärker als gesundheitsfördernder Aufenthaltskontext. Angebote, Atmosphäre, Tagesrhythmus, Guest Journey und Begleitung greifen besser ineinander.

4 – Enabler / transformativ: Gesundheit ist kulturell und organisatorisch verankert, auch mit Blick auf Mitarbeitende, Kooperationen, Lernen, Kommunikation und verantwortungsvolle Einordnung.

Die Dimensionen hinter dem Reifegradmodell zeigen, wo Health-Kompetenz bereits stärker ausgeprägt ist und wo der nächste Entwicklungsschritt liegt.

Reifegradanalyse auf Basis vollständiger Fragebögen (n = 73). Quelle: SCC Hospitality Health Development Survey 2026
Reifegradanalyse auf Basis vollständiger Fragebögen (n = 73). Quelle: SCC Hospitality Health Development Survey 2026

Gerade Schlaf und Ernährung zeigen, wie wichtig diese Reifegradlogik ist. Beides gehört zu den Kernleistungen der Hotellerie. Gleichzeitig werden diese Bereiche noch nicht immer konsequent als Gesundheitsfaktoren verstanden. Bei der Ernährung zeigen die Selbsteinschätzungen eine solide Basis: Ausgewogene Ernährung und gesündere Speisen als Standard sind vielerorts vorhanden. Schwächer wird jedoch der Transfer bewertet, also die Frage, ob Gäste aus dem Aufenthalt konkrete Impulse für gesündere Routinen zu Hause mitnehmen. Gute Küche allein macht daher noch keine Health-Kompetenz. Entscheidend ist, ob Genuss, Gesundheitsorientierung, Orientierung und Alltagstauglichkeit verbunden werden.

Schlaf als wichtiger Faktor für Hotels

Ähnlich ist es beim Schlaf. Hotels verkaufen Übernachtungen, aber gestalten sie Schlaf schon bewusst als Gesundheitsleistung? Die Befragung zeigt hier ein mittleres Bild: Schlafqualität wird teilweise bewusst gestaltet, die Kommunikation der Rahmenbedingungen für erholsamen Schlaf als Gesundheitsfaktor fällt jedoch zurückhaltender aus. Dabei liegt gerade hier ein besonders glaubwürdiges Potenzial. Schlaf ist unmittelbar mit Regeneration, Stressregulation, psychischem Wohlbefinden, Stoffwechsel und Leistungsfähigkeit verbunden. Für Hotels bedeutet das: Schlafqualität ist nicht nur Komfort, sondern ein zentrales Feld gesundheitsorientierter Aufenthaltsqualität, von Bett, Licht, Lärm, Temperatur und Raumklima bis zur Kommunikation vor und während des Aufenthalts.

FH-Prof. Dipl.-Betrw. (FH) Stefan Nungesser. Foto: Helge Bauer
FH-Prof. Dipl.-Betrw. (FH) Stefan Nungesser. Foto: Helge Bauer

Ein weiterer wichtiger Befund betrifft mentale Erholung. Sie wird zwar als Thema gesehen, ist aber noch nicht stark in Servicekompetenz übersetzt. Die bewusste Gestaltung mentaler Erholung liegt im mittleren Bereich; besonders niedrig fällt das Erkennen der Mitarbeitenden für mentale Erschöpfung oder Überforderung bei Gästen aus. Das ist bemerkenswert, denn gerade hier hat die Hotellerie eigentlich große Stärken. Mentale Erholung entsteht nicht nur durch Yoga, Meditation oder ein Retreat. Sie entsteht auch in der Atmosphäre eines Hauses, in Rückzugsmöglichkeiten, in freiwilliger Begegnung, in der Sprache der Mitarbeitenden, in guter Orientierung und in einem Service, der Gäste entlastet statt überfordert. Mentale Erholung ist daher nicht nur ein Programmpunkt, sondern auch Servicekultur.

Was bedeutet das für die Praxis?

Health-Kompetenz entsteht nicht durch das bloße Hinzufügen weiterer Angebote. Sie entsteht, wenn Hotels klar definieren, wofür sie glaubwürdig stehen, welche gesundheitlichen Bedürfnisse ihrer Gäste zu ihrer Positionierung passen und wie die vorhandenen Stärken sinnvoll verbunden werden. Nicht jedes Hotel muss medizinischer werden, Diagnostik anbieten oder jedem Longevity-Trend folgen. Aber jedes Hotel kann prüfen, wie bewusst es seine eigenen Kernleistungen gestaltet: Schlaf, Ernährung, Bewegung, Natur, Atmosphäre, Gastfreundschaft und mentale Entlastung.

Die nächste Entwicklungsstufe liegt daher weniger im „Mehr“ als im „Besser verbunden“. Angebote müssen verständlich erklärt, in die Guest Journey integriert, durch Mitarbeitende getragen und durch Feedback weiterentwickelt werden. Gäste müssen erkennen können, welchen Nutzen ein Angebot hat, für wen es geeignet ist und wie es zu ihrem Aufenthalt passt. Damit wird Gesundheit nicht zum Etikett, sondern zu einer glaubwürdigen Aufenthaltsqualität.

Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: Welche Health-Angebote brauchen wir noch? Sondern: Wie wird aus dem, was wir bereits können, eine stimmige Health-Kompetenz?

Herzlichen Dank für den Fachbeitrag, FH-Prof. Dipl.-Betrw. (FH) Stefan Nungesser, Programmleitung & Professur für Hotel Management, Carinthia University of Applied Sciences | Fachhochschule Kärnten

Autor:in: Stefan Nungesser
Fachhochschule Kärnten